zum holländischen Originaltext | Synopsis

WILLEM ELSSCHOT, 1882 - 1960
DAS IRRLICHT, 1946

übersetzt von Winfried Kamps

Kapitel I, II, III, IV, V, VI

Kapitel I

Ein mieser Novemberabend mit Nieselregen, der selbst die Tapfersten von der Straße fegt. Und meine Stammkneipe liegt, leider, zu weit im Westen, um gegen diese eisige Gardine anzukämpfen. Zum ersten Mal seit langer Zeit, denn die Jahre fliehen dahin, werde ich diesmal nach hause gehen, wo meine frühe Ankunft gesehen werden wird als ein Schritt auf dem Weg, der zur Einkehr führt. Aller Anfang ist schwer und besser spät als nie, wird meine Frau sagen. Aber erst noch eine Zeitung für heute Abend am Kamin, denn wenn ich nicht lese wirkt mein Schweigen bedrückend auf meine Hausgenossen. Ach, ich verstehe bestens, dass nichts so bedrückend ist wie die Anwesenheit eines, der vor sich hinstarrt als ob er allein wäre, der weder einen Witz erzählt noch jemandem auf die Schulter schlägt, um ihn aufzumuntern in seinen schlechten Tagen, der nie fragt wie es geht oder ob man glücklich ist.
Da ist mein Laden, den ich schon seit Jahren besuche und wo ich zum tausendsten mal hören werde was das alte Fräulein vom Wetter denkt. Ja, gebe ich zu, Regen. Nieselregen präzisiert sie. Ja, Nieselregen eigentlich. Um keinen Preis würde ich es wagen diesem Stalakmiten, dessen langsames Entstehen ich jahrelang aus der Nähe verfolgt habe, zu widersprechen.
'Schaunse mal, drei Reiskacker.' Mit dem hängenden Schneidezahn, der nicht fallen will, weist sie zur Straße hin.
Wahrhaftig, als ich rauskomme und meinen Kragen hochschlage auf einen Trab zur Straßenbahn, wird mein Start behindert durch drei Negerlein, die mir den Weg versperren. Besatzung eines Indienfahrers, wie man sie hier öfter rumhängen sieht. Gazellenaugen, langes, pechschwarzes Haar, Anzüge aus Baumwolle dass mich fröstelt, schwarze Ausgehjacken wie für ein Fest. Einer trägt eine Kappe und ist etwas größer als seine Kumpanen, er scheint der Anführer der Gesellschaft zu sein. Ehrlich gesagt, für mich nichts Besonderes, denn wir sind solche malerischen Rumstreuner hier gewöhnt. Alles schon da gewesen. Und ich will doch nach haus, obwohl da nichts ist, was mich ruft.
'Sir', sagt der Anführer mit schmeichelnder Verbeugung und einnehmendem Lächeln.
Sofort gibt er mir ein Stückchen Karton in die Hand, deutet mit seinem feinen Zigarillofinger drauf und fragt 'where?'.
Will man nicht verschaukelt werden, sollte man in solch einem Fall höflich 'tschuldigung' sagen, kurz lachen und gleich weitergehen, wie jemand, der es eilig hat, denn der wahre Gentleman muss vor allem die Kunst beherrschen, das Vieh ungezwungen auf Abstand zu halten. Das weiß ich schon lange aber wahrscheinlich bin ich zu alt, um mich noch anpassen zu können an diesen neuen, geschäftsmäßigen Stil, denn ich nehme das Ding so gefügig an, wie der erstbeste Schussel. Die Negerlein stehen neben mir und warten.
Nähere Inspektion ergibt etwas wie den Boden einer Zigarettenschachtel. Mit Bleistift ist ein holpriger Text hineineingekratzt, woraus ich auf den ersten Blick nicht schlau werde. Dann, etwas dichter beim Schaufenster, wo es heller ist, und mit äußerster Mühe, entziffere ich das Rätsel. Maria Von Damm, Klosterstraße 15.
Meine Zeitungsfrau, sie hat etwas gewittert, öffnet die Ladentür und stellt mir ihre Kanzlei zur Verfügung.
'Kommen Sie doch rein, Herr Verbrüggen, hier sehen Sie besser. Was wollen die denn?'
Sie hält mich schon dreißig Jahre für jemand anders und jetzt lohnt sich's nicht mehr ihr zu sagen, dass ich Lahrmann heiße. Wenn der Tag gekommen ist, dass ich keine Zeitungen mehr kaufe, soll sie Verbrüggen ruhig eine Träne nachweinen.
'Where is it, Sir?' fragt die sanfte Stimme zum zweiten mal.
Zum Teufel, so einfach ist das nicht. Wie muss ich diesem schwarzen Bruder begreiflich machen, wo genau die Klosterstraße ist? Eigentlich müsste ich einen Plan zeichnen aber unsere geometrischen Linien würden für ihn vielleicht völlig bedeutungslos sein. Also will ich versuchen, es ihm mal eben zu erklären.
'This way. Dritte rechts, zweite links, erste rechts und dann eine Straße ... eine Straße ... ' Wie sagt man um Himmels Willen 'schräg' auf Englisch? Denn die letzte Straße, und die ist es, geht weder rechts noch links ab. Außerdem ist es ein enges Gässchen mit Kurven. 'Und dann nicht rechts, nicht links' fahre ich fort, 'aber ...' Und ich beginne so toll zu erklären, dass Passanten trotz des Regens stehen bleiben und sich schon ein Kreis bildet, der uns aufmerksam beobachtet. Fasse dich kurz, denn ich stehe hier wie ein Impresario mit meiner Zeitungsfrau im Rücken. 'Look here.' Und vornüberbeugend mache ich mit meinem Arm eine Wellenbewegung, woraufhin meine Zuschauer zu Boden schauen als ob ich da etwas kaputtgeschmissen hätte. 'Do you understand?' Denn wenn sie's nicht verstehen, kann ich nichts machen.
'Yes sir, thank you,' versichert mein prächtiger Neger mit einer artigen Verbeugung, während seine beiden Macker mein Gesicht entziffern, um die Aufrichtigkeit meiner Absichten zu erforschen. Einer sagt was in einer sehr fremden Sprache, der Anführer erwidert etwas und ich sehe, dass ich einen guten Eindruck gemacht habe. So gut, dass der Mann mit der Kappe kurz in seiner Jacke sucht und mir eine Schachtel Zigaretten reicht, von der selben Marke wie die Visitenkarte mit der Marienbotschaft. Wahrhaftig, ein Trinkgeld hat gerade noch gefehlt.
'For you, Sir' sagt er.
Heftig lehne ich sein Geschenk ab, fühle mich aber äußerst geschmeichelt, dass sie mich unter soviel Mitbürgern auserkoren haben, zur Fleischwerdung ihres Traumes beizutragen.
'Sünde', meint ein Metzgerjunge, 'gib sie mir dann.'
Wo er herkommt, weiß ich nicht aber plötzlich taucht ein rauher Kerl auf, mit eingedrückter Nase und einer schäbigen Mütze, der ohne viel Umstände meinen dunklen Freund beim Arm nimmt und ein paar Schritte mitschleppt in eine Richtung, wo die Klosterstraße seiner Sehnsucht gewiss nicht liegt. Es ist jemand aus der Hafengegend, vor dem selbst der freche Metzgerjunge instinktiv zurückweicht. Ein würdiges Exemplar des Herrenvolkes, das wir Weißen ja sind.
Ali Khan, so hab ich meinen ausländischen Macker heimlich getauft, macht sich freundlich los aus dem unerbietigen Griff und schaut mich fragend an, währen seine beiden Freunde ihre funkelnden Suchlichter auf Ali richten.
Es gibt kein Entkommen mehr, ich muss diesem Buschteufel zu Leibe gehen oder meine Negerlein sind verloren.
'Sie scheinen sich nicht gut auszukennen in der Stadt, die Klosterstraße liegt nämlich nicht in dieser Richtung, Kamerad', wage ich so behutsam wie möglich zu bemerken, um den feinen Herrn ja nicht vor den Kopf zu stoßen.
'Kamerad von wem?' knurrt er. 'Klosterstraße, Klosterstraße. Das Stück Karton, das sie jedem unter die Nase reiben aber niemand lesen kann. Alles Quatsch. Soll man in so 'nem Wetter rumlaufen so wie die angezogen sind? Ich nehm sie mit zu Jolly Joker in der Sackstraße, da sitzen billige Mädels mit solchen Titten.'
Er hält sich seine haarigen Pranken vor die Brust, öffnet seine Finger zu Klauen und deutet das Volumen an.
'Come on,' erklingt seine peitschende Stimme, 'it's time to go,' und nach vorn beugend gibt er mir zu verstehen, dass er und niemand anders diese drei Kunden aufgegabelt hat.
Was muss ich tun? Meine Jungs ausliefern oder weiter dafür sorgen, dass ihre gemeinsame Hoffnung in Erfüllung geht? Sie verlangen nicht nach der Sackstraße sondern nach Maria Von Damm, das steht fest. Wenn ich jedoch wage, die Sackstraße für nichtswürdig zu erklären, darf ich mich vielleicht noch schlagen mit diesem Untier. Am besten sie wählen selbst.
'Hört mal: Da,' ich zeige nach Norden, 'da sind die Freudenmädchen. Und da,' ich zeige Richtung gelobtes Land, 'ist das Mädchen von der Zigarettenschachtel.'
'Nein, nicht die Freudenmädchen, wie Sie sie nennen, sondern die,' sagt Ali dezidiert und in feinem Englisch, und er schwingt dabei seinen Talisman aus Karton wie eine Standarte.
'Dann müssen Sie in diese Richtung. Dritte rechts, zweite links, erste rechts und dann ... zickzack. Sie müssen es selbst wissen.'
'Thank you, Sir.' er verneigt sich wie eine adelige Dame und einer hinter dem andern, machen sich die drei auf in Richtung dritte rechts, lautstark nachgeflucht vom Mann mit der eingedrückten Nase, während ich mich der Straßenbahn zuwende, die mich zu Weib und Kindern bringen soll. Die Sache ist nicht schlecht gelaufen, vor allem das bündige Ende, denn meist ist es lästig, sich zügig aus so einer Klebrigkeit los zu machen. Und nochmal, ich will nach haus mit meiner Zeitung, um endlich den Pfad der Tugend einzuschlagen.

Kapitel II

Wahrscheinlich stand es in den Sternen geschrieben, denn mein Tramwagen wartet geraume Zeit auf seine Abfahrt. Ich weiß nicht warum, aber ich fühle mich unbehaglich, wie jemand, dem etwas auf der Leber liegt. Vom Balkon aus starre ich wie abwesend nach draußen, wo es nun etwas weniger regnet und auf einmal sehe ich meine drei Negerlein, wie sie aus der Bäckerei Jungherr kommen, jeder mit einem Brötchen in der Hand, wovon sie hungrig abbeißen und sie schauen sich um, wie um sich zu orientieren. Sie scheinen zu zweifeln zwischen der Reyndersstraße, die der erste Schritt auf dem Weg des Heils ist, und dem Alten Kornmarkt, dem Maul eines Labyrints, worin sie bis zum Morgengrauen umherirren können, bis ihr Tagwerk sie wieder auf ihr Schiff ruft. Niemals finden sie die Klosterstraße, niemals. Und selbst wenn sie sie fänden, wie sollten sie Nummer 15 entdecken, denn für sie müssen unsere Zahlen Hieroglyphen sein. Und auf einmal sehe ich mich selbst durchs Herz von Bombay schlendern, lustlos und gebrochen. Es ist Nacht und auf meinen Baumwollanzug fällt kühler Nieselregen. Ich irre die Straßen auf und ab, durch Slums und Basare, auf der Suche nach Fathma, die auf mich wartet unter einer roten Laterne in einem Häuschen, das irgendwo versteckt liegen muss in der siebenunddreißigsten rechts, fünfzehnten links, neunten rechts, siebten links und dann durch eine sich schlängelnde Gasse, die ich nie entdecken werde. In der Hand halte ich einen traurigen Fetzen Karton auf den niemand reagiert, denn wie der lebende Ganges strömt eine tausendköpfige Menge an mir vorüber ohne mich eines Blickes zu würdigen. Losgezogen mit einem Herzen voll Hoffnung und flammenden Augen, stehe ich jetzt zum dritten mal an der selben Ecke. Es ist ein endloser Kreislauf ohne Ausgang und nun weiß ich mit Sicherheit, dass ich Fathma nie finden werde, sie nimmer an mein Herz drücken darf. Beim ersten Morgenrot löscht sie ihre Laterne und wirft sich auf ihren Divan, schluchzend, weil der meineidige weiße Mann nicht gekommen ist.
Ich muss bekennen, dass ich mich der Jungs allzu einfach entledigt habe und mein Rumgefuchtel, das noch so gut wie aktuell ist, kommt mir bereits lächerlich vor, vor allem das Zickzack, denn es ist doch sehr unwahrscheinlich, dass sie begriffen haben, was ich meinte. Und wer mag wohl diese Maria Von Damm sein, deren Namen sie so leidenschaftlich in ihrem Wappenschild aus Pappe führen? Gewiss ein Mädel aus dem Volk, denn ich kann mir schwerlich vorstellen, dass drei Kulis abends in der Hafengegend nach einer Dame auf der Suche sind. Im Volk findet man jedoch verteufelt kesse Miezen, die meist nicht viel Umstände machen. Und Maria finde ich den schönsten Mädchennamen von allen. Nun, das ist Nebensache, denn es geht nicht um mich sondern ums Schicksal dieser umherirrenden armen Schlucker.
Unwillkürlich springe ich von meiner Tramm und gehe wieder auf meine Negerlein zu, die mich gleich wiedererkennen und mit einem Lächeln wie ein Sonnenaufgang willkommen heißen.
'Eine sonderbare Stadt,' sagt Ali, 'alle Straßen sehen gleich aus.' Aber ich bringe ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen und erkläre, dass ich mitgehen werde bis zu dem Mädchen von der Zigarettenschachtel. Sogleich gehe ich fest entschlossen in die Richtung der dritten rechts, neben Ali, gefolgt von seinen dunklen, schweigsamen Kameraden.
So bin ich endlich mal unterwegs mit Menschen, die völlig anders sind als meine Volksgenossen, mit denen meine Tage zu verbringen ich verurteilt bin, jedenfalls Menschen mit einer anderen Farbe, die anders gehen, anders grüßen und lachen, vielleicht auch anders hassen und lieben, die jedenfalls noch nie von unseren berühmtesten Mitbürgern gehört haben, für die unsere Heiligen und Fürsten nicht zählen, also sehr wahrscheinlich Menschen nach meinem Herzen. Und nun, da die drei so unvermutet meinen Weg gekreuzt haben, muss ich rausholen was rauszuholen ist, denn unsere Beziehung wird von kurzer Dauer sein.
Um mit irgendetwas anzufangen, frage ich ob er Maria schon gesehen hat, denn wer weiß, wie sie zu dieser eigenartigen Visitenkarte gekommen sind und ich will sicher gehen, dass sie keine Einbildung ist sondern ein wirklicher jemand. Ja, er hat sie gesehen.
Ob es ein nettes Mädchen ist? 'Very nice,' versichert er überzeugt. Jung? Ich hoffe nämlich, dass am Ende unseres Kreuzzuges keine alte Zicke vor uns erscheint. Ali bestätigt das, aber mit nur mäßiger Betonung.
'Etwa fünfzehn?' Ich bilde mir nämlich ein, dass unsere Vorstellungen von jung und alt sehr unterschiedlich sein können, und es diese Schwarzen nicht so genau nehmen mit unserer Sittlichkeit. Und mich ins Zeug legen für Leute mit all den Vorurteilen aus unserem westlichen Lexikon - danke vielmals!
'Nein, nein,' versichert er lachend mit einer abwehrenden Geste. Er dreht sich um und sagt etwas in seiner Sprache, daraufhin brechen seine zwei Macker in Gelächter aus wie Kinder.
'Vierzehn?'
Diesmal kriege ich von seinem braunen Zeigefinger einen Tadel und dann erklärt er, dass sie um die zwanzig sein muss.
'Ist auch besser so,' sage ich väterlich, obgleich ich etwas enttäuscht bin. 'Besser fürs Gesetz der weißen Leute,' präzisiert Ali. Also kein Vorurteil. Er fügt sich bloß gezwungenermaßen dem Höllenhund, der unsere Herde in Trab hält.
Hier rein, denn das ist die zweite links und das Endziel ist beinahe in Sicht. Wenn der elende Regen nur aufhörte, dann wäre alles gut, denn sind wir nicht unterwegs zu einer Hochzeit? Eigentlich müssten wir ein Sträußlein kaufen, um nicht mit leeren Händen anzukommen, aber diese Saison gibts hauptsächlich Chrysantemen und ich weiß nicht ob die festlich genug sind, da sie vor allem als Beerdigungsschmuck gebraucht werden. Da, neben dem altbekannten Metzger, ist seit Jahr und Tag auch ein Blumenladen und eben mal reinschauen kann jedenfalls nicht schaden. Das Angebot besteht hauptsächlich aus Topfpflanzen, aber nach einigem Suchen entdecke ich hintenan einen Korb mit Blumen, die mir zwar unbekannt sind, deren feuriges Rot die Stimmung meiner Kameraden aber ausgezeichnet illustriert. Jedoch ist es noch die Frage, ob Blumen bei jemandem wie Maria Von Damm wirken, und obendrein weiß ich keineswegs, ob man in Indien überhaupt Blumen gibt. Blumen oder keine Blumen, das Zweifeln bedrückt mich.
'Some flowers for the girl?' frage ich Ali, denn schließlich sind sie es, die das letzte Wort haben.
Er berät sich mit seinen Freunden und sagt dann, dass es gut ist.
Dass es gut ist - das finde ich keine Antwort, mir macht es eigentlich nicht die Bohne aus, glaube ich, ich bin kein Teilhaber dieser Unternehmung und frage nochmals, ob sie wollen oder nicht.
'In jedem Land muss man es so machen wie die Leute, die da wohnen,' behauptet er. Und ob ich sie nicht kaufen will, denn Leute wie er werden hier bisweilen übers Ohr gehauen, weil sie nicht so gut über unser Geld bescheid wissen.
Der Strauß sieht gut aus und ist von so bescheidener Größe, dass wir nicht viel Aufsehen erregen werden bei eventuellen Zwischenpersonen, die den Zugang zu Maria verhindern könnten. Ali fragt gleich, wieviel er gekostet hat und weigert auch nur einen Fuß zu versetzen, bevor ich nicht das Geld von ihm angenommen habe. Dann erst nimmt er die Blumen in Empfang und wir können weiter.
Jetzt will ich wissen, ob sie sie schon lange kennen.
Nein, erst seit heute. Sie war an Bord gekommen um Säcke zu ändern und sie hatten ihr einen Schal gegeben, einen Topf Ingwer und sechs Schachteln Zigaretten. Nachdem sie das alles angenommen hatte, wurde eine Verabredung für heute Abend gemacht und als die erste Schachtel leer war, hat sie ihren Namen und ihre Adresse auf den Boden der Schachtel geschrieben. Also nicht am Wegesrand gefunden. Das garantiert wohl Einiges.
Und wer von ihnen nun eigentlich in sie verliebt ist, er selbst oder welcher seiner beiden Jünger?
'Alle drei,' versichert mir Ali. Und als ich ihn eben belaure, denn es könnte ein Witz sein, spricht aus seinem Gesicht die Aufrichtigkeit eines Pferdes.
Ich kann meine westliche Neugierde nicht länger bezügeln. 'Und ob Maria wirklich alle drei eingeladen hat?' Denn das würde von seltenem Unternehmungsgeist zeugen für ein Mädchen von zwanzig.
Ja, alle drei. Sie hat von jedem was gekriegt und bislang keinerlei Unterschied gemacht. Drum hatten sie gefolgert, dass sie mit ihnen allen dreien zurechtkommen werde.
Das eröffnet Voraussichten und es scheint erst der Anfang.
Ob sie glauben, dass sie auf ihrem Posten sein werde?
Natürlich,' sagt Ali, 'sonst hätte sie unsere Geschenke doch abgelehnt.'
Und sein Vertrauen wirkt so ansteckend, dass ich nun meinerseits von Marias Opferfertigkeit überzeugt bin.
'Diese Straße ist es,' erkläre ich. 'Und hier ist Nummer 15. Hier erwartet euch das liebe Mädchen.'
Wir machen Halt um den Zauberpalast zu inspizieren.
ich könnte nun Abschied nehmen, denn meine Christenpflicht ist erfüllt und für die Apotheose haben sie meinen Beistand nicht nötig. Aber warum nicht bleiben? Wo Platz für drei ist, ist auch Platz für vier, doch ich stoße den sündigen Gedanken mit Gewalt von mir. Meine Kameraden sehen jedenfalls jovial und herzlich aus und ich habe den Eindruck, dass sie bereit wären Maria wie Kuchen mit mir zu teilen.
Nein, nein. Ich will nur bei der ersten Begrüßung meiner drei Romeos dabei sein, ihnen noch kurz meinen Segen geben und erst nach haus gehen mit meiner Zeitung und meinen müden Beinen, nachdem die Krone auf mein Werk gesetzt ist.

Kapitel III

Die Nummer fünfzehn ist ein Laden, wo es nichts anderes zu kaufen gibt als Vogelkäfige, denn was ich auch suche, es sind keine anderen Waren vorrätig. Ich muss zugeben, ich habe nie gewusst, dass es in unserer Stadt so einen Landen gab, aber unser Glotzen kann diese unerhörte Wirklichheit nicht ändern. Die Käfige werden dadurch keine Injektionsgerätschaften, sondern bleiben was sie sind. Das ganze Schaufenster voll Käfige, stehende, hängende, von den bescheidensten bis zu funkelnden Messingmodellen, die mindestens auf Papageien warten. Eine tadellose, saubere Etalage, das muss ich zugeben, aber wie mir scheint, eine eigenartige Spezialität für jemand wie Maria Von Damm.
Ich sehe, dass meine Negerlein mindestens ebenso verwundert sind wie ich selbst. Sie schauen einander an, wechseln ein paar Worte und Ali zeigt mir nochmals sein Stückchen Karton, denn Kontrolle dringt sich auf. Also betrachte ich es aus Pflichtsbewusstsein kurz noch einmal, um dann bestätigen zu müssen, dass der Text völlig übereinstimmt mit der Adresse dieses merkwürdigen Geschäftes. Kann ich was dran ändern, dass hier keine Tingeltangel ist oder sowas wie das Häuschen von Fathma mit der roten Laterne, dem ich in Bombay nachgejagt bin? Nun ja, Tingeltangel oder nicht, Maria muss zum Vorschein kommen, sonst hat unser Rumlaufen in diesem Nieselregen keinen Sinn gehabt und diesmal werden die Leute nicht sagen, dass sie mich vergeblich bemüht haben. Drauflos, die Herren! Übrigens, warum sollte Maria etwas mit diesen Käfigen zu tun haben, die sind ihr sicher noch mehr Wurst als uns vieren. Warum soll sie nicht unterm Dach wohnen oder im Keller oder in sonst einem Raum, wo ein Bett stehen kann oder ein Divan, wie bei Fathma?
Ob ich reingehn soll mit Ali um sie rufen zu lassen? Dann können seine Maate solang vorm Schaufenster warten und noch ein Weilchen die Auslage genießen, denn eine vierköpfige Delegation, wovon drei so dunkel wie Kaffeesatz, könnte die Bewohner möglicherweise erschrecken. Die beiden andern sind vorläufig doch nicht mehr als Statisten und etwas Besonnenheit kann auch hier nicht schaden.
Ali ist zu allem bereit und wir gehen rein. Ich schließe schnell die Tür, um die elektrische Klingel zum Schweigen zu bringen und stelle mich erwartungsvoll an die Ladentheke, während sich Ali dezidiert mit seinem Sträußlein nähert. Seine Liebe macht ihn tapfer, er ist immerhin in einem Land, wo dunkelhäutige Menschen nicht mehr zählen als ein Foxterrier.
Jezt kann Maria jeden Moment erscheinen, denn in der Grotte von Lourdes ist das Wunder auch geschehen. Vielleicht steckt sie noch bis über die Ohren in ihrem Ingwertopf, muss noch eben ihre Augenbrauen retuschieren, etwas Puder und ein wenig Rouge auflegen, doch dann tritt sie auf uns zu mit einem freundlichen 'good evening', denn soviel Englisch wird sie wohl können. Und wenn nicht, dann muss sie eben Flämisch reden und dann werde ich dolmetschen bis alle Hindernisse beseitigt sind. Das wird eine nicht-alltägliche Konversation sein bevor zum Handeln übergegangen wird.
Endlich höre ich im Hinterzimmer einen Stuhl rücken, die Tür öffnet sich und eine dicke, betagte Frau, so tadellos und sauber wie die Schaufenstereinrichtung, wackelt in den Laden. Das ist meiner Ansicht nach auf keinen Fall unsere Maria sondern bestenfalls ihre Mutter oder eine Tante von ihr, sonst bin ich der Maharatscha von Allahabad. Um sicher zu gehen schaue ich doch eben Ali an und frage ob das the girl ist, denn bei diesen Jungs kann man nie wissen. Immerhin, owohl sie aussieht wie 50, Fleisch ist dran.
'No,' sagt er mit Entsetzen in den Augen.
Die Frau, glänzend wie frisch gebohnert, steht jetzt vor uns und teilt mir spontan mit, dass der große Papageienkäfig noch nicht fertig ist, dass er aber 100%ig sicher Montagmorgen vor der Abfahrt an Bord geliefert werden wird. Und ob wir das Kapitän Cunningham ausrichten wollen.
ich weiß nicht mehr, ob ich wache oder träume. Ali soll die Klosterstraße genauso gut kennen wie ich? Aber warum hat er mir dann das Stück Karton gezeigt? Als Köder, um mich mitzuschleppen durch dieses Hundewetter? Nein, das kann ich nicht glauben. Er hat das Schaufenster doch genau so angeglotzt als ob es der Niagara wäre und unterwegs nichts losgelassen über irgendeinen Käfig. Doch frage ich gleich, ob er so ein Ding bestellt hat, zum Mitnehmen auf See, ob er hier also schon mal gewesen ist, aber das streitet er energisch ab und besteht drauf, dass er allein for the the girl kommt.
Das Weib scheint Englisch zu verstehen, denn sie fragt ihn nun selbst, ob er nicht von der City of Rangoon ist.
'Nein,' sagt Ali, 'wir sind von der Dehli Castle.'
Mir ist nun alles klar, der Käfigfrau aber keineswegs.
'Aha,' sagt sie trocken. 'Was wir dann eigentlich wollen?'
Ich werd' nun mal mit der Tür ins Haus fallen.
'Wollen sie so gut sein, gnädige Frau, und Maria Von Damm sagen, dass die Herren von der Dehli Castle hier sind und sie fragen, ob sie sie empfangen kann?'
Denn die Begrüßung will ich jedenfalls miterleben. Soll ich ihr schonmal die Blumen anvertrauen für Maria, als Vorbote für Weiteres?
Sie schaut mich an wie den Mann im Mond und fragt dann, was ich gesagt hab, sodass ich meine Tirade wiederholen muss.
'Maria Von Damm? Kenn ich nicht. Wir heißen Passmann.'
So weit so gut, sie heißt Passmann, aber dass sie unsere Maria nicht kennen will, das finde ich ein starkes Stück. Oder vertraut uns das Weib nicht? Jeder Erstbeste kann ja behaupten, dass er von der Dehli Castle ist. Also Beweise vorlegen.
Ich bitte Ali um seinen Talisman, deponiere das heilige Stück Karton vor ihr auf der Ladentheke und zeig ihr den Text den Maria geruht hat eigenhändig zu schreiben nachdem der Rauch ihrer letzten Zigarette verflogen war, ein offizieller Text der jede weitere Diskussion ausschließt.
'Wenn Sie ihr das eben zeigen wollen, dann weiß sie genug, denn sie hat's selber geschrieben als sie heute früh an Bord war wegen der Säcke.'
'Wegen der Säcke,' spricht die Frau mir auf einem Ton nach, der mich erröten lässt.
Sie geht eben ins Hinterzimmer, kehrt mit Brille zurück und studiert kopfschüttelnd das stachelige Monogramm, erst rechts, dann nochmal andersrum, mit einer Gründlichkeit, die mir Respekt abnötigt.
'Das kann ich nicht lesen, mein Herr. Und von Maria Von Damm habe ich noch nie was gehört,' versichert sie mir nochmal, dabei schiebt sie das Stückchen Karton so behutsam von sich weg als könnte sie davon Aussatz kriegen.
Bedächtig wartet sie ab, ob sie uns mit sonst etwas zu Dienst sein kann, schaut dann unwillkürlich zur Straße raus und entdeckt offenbar unsere beiden schmachtenden Kumpane, die ihre Gesichter gegen die Scheibe drücken und zwischen den Käfigen hindurch in unsere Richtung spähen, um auf ein erstes Zeichen ihren glorreichen Einzug zu halten. Von der Etalage scheinen sie genug zu haben, denn ihre blinkenden Augen sind starr auf unserer Gruppe gerichtet. Man sieht ihnen an dass jeder von ihnen seinem Teil von Maria ohne weiteres fertig werden kann.
Die Alte wird nun sichtbar misstrauisch und wirft einen Blik auf Ali, wie um zu kontrollieren op er von derselben Sorte ist wie die zwei da draußen, ob wie also keine Bande sind, die sich aus strategischen Gründen in zwei Pelotons verteilt hat.
'Gehören die auch zu Euch?' fragt sie.
Und ohne eine Antwort abzuwarten geht sie bis zur Tüt des Wohnzimmers, ruft da lauthals 'Franz' und stellt sich wieder hinter ihre Ladentheke wie hinter ein Brustwehr.
Es scheint hier Zucht zu herrschen denn lang brauchen wir nicht zu warten. Gleich höre ich die Treppe mächtig knarren und herein kommt Franz, ruhig, die Hände in den Hosentaschen. Er ähnelt deutlich seiner Mutter, auch in Gepflegtheit, aber er ist so groß und breit wie unser nationaler Meister im Ringen. Wie ein schwerer Kahn dampft er langsam auf uns zu, und als er vor Anker geht, fragt er mit einer Kopfbewegung was los ist. Er ist offensichtlich mehr ein Mann der Tat als des Wortes. Seine Mutter weist mit ihren Augen zur Schaufensterscheibe und erklärt dass sich unszufolge eine gewisse Maria Von Damm hier im Hause der Passmanns eingenistet haben soll. Dass sie gesagt hat noch nie von dem Mädchen gehört zu haben, aber dass wir drauf beharren und ihr dieses Stück Karton, aus dem niemand schlau wird, unter die Nase halten.
Im Prinzip stimmt ihr Rapport mit der Wahrheit überein, aber unter die Nase halten ist hässlich und übertrieben, denn sie kann nicht bestreiten, dass wir korrekt und höflich gewesen sind. Franz aber scheint genug zu wissen und keineswegs geneigt sich in unseren Fall zu vertiefen, denn er betrachtet meine Negerlein als wären sie Rotze, schmeißt unseren Talisman auf den Boden ohne ihn eines Blickes zu würdigen und bestätigt auf einen Ton der keinen Widerspruch zulässt, dass ihm unsere Braut total unbekannt ist.
Mich dünkt, uns bleibt nichts andres übrig als zum Rückzug zu blasen, bevor Franz uns hinaus hilft. Mit einigen Worten danke ich Mutter und Sohn. Ali hebt schnell noch sein Stück Pappe auf und wir verlassen das verwunschene Loch um uns zu verziehen mit Alis Kopien erneut im Kielsog. Aus der Türöffnung schaut Franz uns nach.
Um die Ecke bleibe ich stehen, erschlagen vor Scham. Ich habe mich also wieder mal auf etwas eingelassen, das mich nichts angeht, statt mich abzuwenden wie es vernünftige Wesen tun, um das Fatum nicht in seinem Lauf zu behindern. Leider Gottes, ich bin nicht weiser geworden im Lauf der Jahre und ich bin dem Drang meines ungestümen Herzens nicht gewachsen, das mir nicht folgen will auf dem Abhang des Zerfalls. Was sollen meine drei Freunde von mir denken? Statt einer duftenden, schmachtenden Fee habe ich nichts anderes zum Vorschein gebracht als dieses widerliche Paar. Habe ich mir dafür die Aura eines Generals angemaßt? Und dann die elenden Blumen. Hätte ich nicht besser daran getan ihren Traum augenblicklich wie eine Natter zu zertreten und den Mann mit der eingedrückten Nase fortfahren zu lassen? Durfte er denn nichts verdienen an der Befriedigung ihrer Notdurft? Er hatte doch das Herz am rechten Fleck, denn der Regen hatte ihn gleich an ihre dünnen Klamotten denken lassen. War er etwa nicht der Bote der Vorbestimmung und ist's bei Jolly Joker gar so schlecht? Da hätten sie wenigstens schon lange Mädels auf dem Schoß sitzen, statt wie Verdammte im Nieselregen einem Gespenst nachzujagen. Und ich hätte schon eine Stunde zuhaus sein können, wie es sich gehört, während ich hier mit unsauberen Absichten und leerem Magen rumlaufe. Was aber tun? ich kann die durchgeweichten drei doch nicht plötzlich ihrem Schicksal überlassen, auch wenn ich sie nicht trocknen kann. Am besten wäre es, sie nähmen jetzt einfach spontan Abschied, dann wäre unserem lächerlichen Eidverbund ein Ende bereitet und könnte jeder seines Weges gehn als hätten wir einander nie gekannt. Ich nach haus mit der Zeitung und sie auf die Dehli Castle, mit oder ohne Blumen, oder zum erstbesten Ofen, denn sie müssen nun schon zu sehr abgekühlt sein um für Jolly Joker noch in Frage zu kommen. Das erste Wort muss aber von ihnen kommen, sonst sitze ich nachher wieder am Ofen und gräme mich. Aber keiner von ihnen lässt was verlauten. Sie stehen schweigend neben mir wie um mich in meinen bitteren Überlegungen nicht zu stören.
Da spüre ich wie mich die magere Hand von Ali behutsam berührt und als ich schaue, weist er nach oben und sagt: 'Stars, good hope.' Ich hebe den Blick und sehe ein Firmament, dass ein einziges Glitzern von Sternen ist.
Ich Weichling. Du hast recht, Ali, wir dürfen nicht verzagen. Ich bin noch nicht quitt mit dem Frauenzimmer, ich werde durchhalten und den eingeschlagenen Weg wetergehn bis sie, und sei es gebunden, Eurer Willkür ausgeliefert ist, bis Schal und Ingwertopf gerächt sind. Solang die Soldaten bereit bleiben, kann der Anführer nicht zurücktreten.
Was nützt jedoch all die Leidenschaft, denn unsere Stadt ist groß und die Marias sind zahlreich. Erst mal nachdenken. Es ist doch kaum anzunehmen dass so ein Schnuckelchen 100% gelogen hat und drum ist zu vermuten, dass sie hier ingenwo in der Gegend wohnt. Warum nicht in der Nummer 15 einer anderen Straße zum Beispiel. oder hier in der Klosterstraße 51, denn der Text der ihr so spontan aus dem Herzen gewallt ist, muss doch einen Kern haben. Sonst könnte sie auch Johanna Guthals heißen statt Maria Von Damm, sowas schreit doch um Rache vor Gott! Um den kürzesten Weg zu wählen, schlage ich vor um Information zur Polizei zu gehen, die hier in der Nähe eine Wache hat. Wenn es nicht gelingt, dann bleibt uns der Trost nichts unversucht gelassen zu haben und dann kann ich heute Nacht wenigstens ruhig schlafen. Drauf oder drunter! Ich hoffe von Herzen, wir kommen mit dem Leben davon.
Ali hat meinen Vorschlag verdolmetscht und ich merke gleich, dass sie ihn als etwas Gewichtiges untersuchen, denn es folgt ein angespannter Gedankenaustausch an dem alle drei teilnehmen.
Ja, wenn sie mit der weißen Polizei zu tun bekommen dann geht es für solche Rumtreiber selten gut aus und ich bekenne freimütig dass ich selbst nur mit Widerwillen Gebrauch mache von einem Staatsorgan, denn es hat etwas von Unterwerfung und das lässt mich zurückscheuen. Außerdem, meine Negerlein kennen mich nicht und ich könnte ohne weiteres ein verkappter Diener der weißen Masse sein.
So stehe ich hier vor Gericht vor Farbigen. Das ist ohne Prezedenzfall. Sie fragen sich natürlich ob ich so viel Vertrauen wert bin und es ist nicht ausgeschossen, dass der Schiedsspruch für mich negativ ausfallen wird, dass sie mich absetzten und als Gebranntmarkten nach hause schicken um aus eigener Kraft weiter in die Nacht zu dringen. Verflucht wenn sie es wagen mir das anzutun, dann gibts hier eine Schlacht, denn von meinem Ehrgefühl werde ich mich nicht trennen. Ich hab schon so viel über Bord geworfen, dass ich noch einmal kentern werde aus Mangel an Gewicht.
Obwohl mir ihre Sprache ebenso fremd ist wie die der Brummfliegen, höre ich dass sich das Urteil nähert, denn die letzten Töne können nur noch knappe Ratschläge sein.
Sie betrachten mich noch einmal eingehend und dann erklärt Ali schlicht, dass sie mit mir gehen werden.
Habt Dank, Freunde. Ihr habt mir eine große Ernüchterung erspart und ich weiß jetzt dass Ihr bereit seid mir zu folgen, und sei es in die Unterwelt. Also los dann. Jetzt wo sie auf mich bauen wie auf ihren Gott gibts für mich kein Zurück mehr und ich gebe das Zeichen zum Aufbruch. Zwei voraus, zwei hinterdrein, das Herz voll Hoffnung, unter einem Sternenhimmel ohne Nieselregen. So sind die drei Könige auch gezogen, lang, lang ist's her.

Kapitel IV

Hier, bei diesem kleinen Platz auf dem ein paar Bänke stehen, ist die Wache, das Ziel unseres Aufzuges und jetzt müssen meine Negerlein selbst wissen was sie tun, mitgehen oder draußen bleiben.
Aus einiger Entfernung schauen sie nach der roten Laterne, die ein Privileg unserer Polizei ist und unterwerfen die Frage einer letzten Debatte, ein Zwitschern und Trällern wie von Vögeln im Gebüsch. Als es verstummt, teilt Ali mir den Beschluss mit. Wenn ich nichts dagegen habe, soll ich allein gehen, derweil sie auf jener Bank meiner Rückkehr harren wollen. 'Weiße und dunkle Menschen gehören nicht zusammen', sagt er mit einem fatalistischen Kopfschütteln. Du hast Recht, Ali, leider. ich werde tun was ich kann und wenn ihr Versteck hier bekannt ist, dann wird, nach dieser letzten Prüfung, unsere letzte Etappe mit Begeisterung zurückgelegt werden. Ich gebe jedem noch eine Hand und gehe rein, währen sie ihre drei baumwollenen Hosen auf dem Platz auf eine triefende Bank kleben.
Im Warteraum, hinter einem Tisch, sitzt ein dicker Polizeibeamte und mit dicken Menschen kann man meistens reden. Es ist als verleihe ihr gesättigter Körper ihrem Karakter eine gewisse Großzügigkeit oder sie verdanken ihrer Großzügigkeit ihre dicke Wampe. Er blättert friedlich in einem riesigen Ordner, der seinen ganzen Tisch einnimmt, schaut kurz auf und blättert wieder eine Seite um. Ein Mann, der seinen herrliche Ofen genießt, ein Mann mit guter Verdauung der keiner Fliege was zu Leide tun würde, darauf würde ich alles wetten. Ich nehme meinen Hut ab und warte bis es ihm beliebt das Wort an mich zu richten, denn jetzt, wo er offensichtlich etwas wichtiges zu tun hat, ist es ratsam ihn blättern zu lassen bis es ihm genug ist. Er fährt fort, ab und zu an seinen appetitlichen Fingern leckend, bis zur letzten Seite und klappt dann seinen Ordner zu, knotet die Bändel des Kartonumschlages sorgfältig zu und fragt endlich, was er für mich tun kann. Seine Frage klingt jovial, wie von jemandem der bereit ist, mir bis zum jüngsten Tag Dienste zu erweisen.
Ich erzähle, dass ich als Privatdetektiv auf de Suche bin nach einer gewissen Maria Von Damm, die wahrscheinlich hier in der Nähe wohnt. Dass an Bord der Dehli Castle ein paar Dinge entwendet sind zum Schaden dreier Kulis und dass die Rederei mich beauftragt hat, die Sache zu bereinigen, ohne die Autoritäten wegen so einer Bagatelle zu belästigen. Jene Maria Von Damm nun, könne mich auf die richtige Spur bringen. Ob er nicht vielleicht nachsehen könne, wo sie wohnhaft ist.
'Und dafür mobilisiert man einen Privatdetektiv', sagt er kopfschüttelnd. 'Die englischen Reeder wissen offenbar nicht wohin mit ihrem Geld. Aber ich kann Ihen leider nicht helfen, Herr Kollege, denn Sie wissen so gut wie ich, dass die Einwohnermelderegister im Rathaus liegen. Sonst mit dem größten Vergnügen. Und morgen ist Sonntag, Sie verlieren also zwei kostbare Tage, mehr als genug die Sachen zu versetzen.'
Ali's letzte Chance ist verpufft und ich stehe dem Schicksal ohnmächtig gegenüber. Als ich jedoch schon Anstalten mache mich zu verabschieden, schlägt sich mein freundliches Mastschwein auf einmal vor die Stirn und fângt an die Bändel seines Ordners wieder zu lösen, als sei ihm zu elfter Stunde ein Licht aufgegangen.
'Dass ich da nicht gleich dran gedacht hab! Tja, wenn man alt wird. Die Wählerliste dieses Viertels, Herr Kollege. Heute früh rein bekommen. Welch ein Zufall, denn die Dinger kriegen wir nur alle vier Jahre. Wir wollen mal kurz nachsehen.' Und seine Wurst von einem Zeigefinger fährt die Spalten hinunter während er zitiert: 'Von Aachen, Von Alsenoy, Von Apers, Von Asch, Von Bahlen, Von Bauel, Von Belle, Von Beneden, Von Bergen, Von Bockel. Weiter Junge, weiter. Von Cutsem, Von Dahle, Von Damm. Da schau her, so viele Von Damms! Zwei Seiten! Wo sind die Marias? Von Damm Albert, Von Damm Bernhard. Nutzlos, wir suchen Von Damm-Weibchen, nichtwahr? Von Damm Louis, Von Damm Maria Albertina. Halt! Geboren März 1876, also 62. Können Sie mit der was anfangen? Jedenfalls ist sie volljährig. Ist das was für Sie? Und hier sind noch zwei, beide 1916, 22 also, Kalbfleisch, Kollege. Die erste sitzt in der Langen Ritterstraße.'
'Welche Nummer?' frage ich ungeduldig.
'71. Die andere Im Sand, Nummer 15.'
'Hurra für die Im Sand, dieselbe Nummer wie in der Klosterstraße! Diesmal wird das Wild auf seinem Lager erwischt!'
'Augenblick,' fährt er diensteifrig fort, 'dat hammwer jleich: 11 ist der lahme Jan, 13 ein Lumpenhändler und 15 ist nämlich das Carlton Hotel von Kortenahr, ein holländisches Halbblut, das dringend mal wegen Hehlerei einsitzen muss. Wenn der alte Fuchs was ausplaudert, lassen Sie mich's wissen, dann geb ich einen aus. Ohne Geld oder Prügel kriegt man nichts raus aus dem. Und sollten Sie da Probleme kriegen, gut möglich, rufen Sie uns an. Die Nummer ist 37 03 04. Ich glaub, Sie sind auf der richtigen Spur und Sie brauchen sich nichtmal zu beeilen, der schließt nie. Aber was ist denn da draußen los?'
'This way, bloody nigger,' ertönt es befehlend. Gleichzeitig wird die Tür aufgerissen und Ali reingeschubst, mit Blumensträuß, von einem Polizisten, der ihn fest am Kragen hat.
'Sit down, schwarzer Peter,' sagt der Diener des Volkes und drückt ihn auf einen Stuhl.
Er habe den Mann an der Tür zur Straße erwischt, er habe durchs Schlüsselloch geschaut, während 2 seiner Handlanger Wache geschoben hätten auf einer Parkbank, als wären sie am Luftschnappen. Wir kennen die Tricks. Aber sich ausgerechnet die Polizeiwache auszusuchen, das nenne er Pech. Als er diesen gegriffen habe, seien die andern Laufen gegangen.
'Hut ab,' sagt der Polizist und nimmt ihm seine Mütze ab.
Auf einmal ist Ali ein anderer Mensch. Als trüge er einen Helm, so glänzt sein rabenschwarzes Haar unter der Bogenlampe. Er sitzt still wie eine Statue, die Augen zu Boden gerichtet, seine feinen Hände auf seine Schenkel gelegt. Die Blumen, die gefallen sind, liegen zu seinen Füßen wie eine Opfergabe.
Ich wage zu bemerken, dass seine Mütze nichts mit einem Hut zu tun hat, das sie religiöse oder symbolische Bedeutung haben könnte, dass er vielleicht höflicher ist wenn er sie aufbehält als wenn er sie abnimmt, denn wir wüssten so gut wie nichts von diesen Menschen.
Als er meine Stimme hört, schlägt Ali die Augen auf und schaut mich mit betrübtem Blick an mit etwas wie Verachtung um den Mund. So muss Jesus geschaut haben, als Judas das Zeichen gab mit seinem Kuss.
Ich werde kalt bis ins Mark, gehe auf ihn zu und ihm in die Augen blickend frage ich, ob er nicht mehr an mich glaubt. Während ich spreche, folgt der Abtrünnige meinen Lippen, ob kein Schein eines Grinsens darum spielt. Wäre ich nicht so aufgeracht, ich könnte meine Tränen nicht zurückhalten.
'Ich weiß es nicht', bekennt er aufrichtig.
'Du solltest dich schämen', sage ich bitter, aber wie ein echter Abgott gibt er weder Laut noch Zeichen.
'Ihr scheint euch zu kennen.' Der dicke Polizist schaut mich untersuchend an.
'Wie heißt Ihr Schiff,' frage ich Ali.
'Dehli Castle, das hab' ich im Laden schon gesagt.'
Jetzt muss der Talisman es weiter gut machen und auf meine Bitte reicht Ali dem Mann der Wählerliste das Stückchen Karton, der schaut es erst etwas hilflos an, dann andersrum, doch dann gelingt es ihm wahrhaftig den Text zu entziffern. Es gelingt zwar nicht gleich, aber es gelingt und gleich versteht er alles. Er lässt seine Jovialität als Gelächter raus, gibt Ali sein Mützchen zurück und klopft ihm gemütlich auf die Schulter.
'Viel Glück bei Kortenahr.' Er macht schwerfällig eine Verbeugung, mit Bauch und Hintern, hebt selbst die Blumen auf und öffnet uns höflich die Tur.
Ich hatte mich nicht geirrt, der Mann ist der Anstand selbst.

Kapitel V

Obwohl die ganze Maria Von Damm verhext scheint, kommt es mir vor, dass sie diesmal dran glauben muss, sonst wäre die Nummr 15 schon ein sehr merkwürdiger Zufall. Um Ali auf den Stand der Dinge zu bringen, rapportiere ich, dass Marias Versteckplatz von dem fetten Polizisten für mich nachgeschlagen und effektiv entdeckt ist.
'Sie haben viel Macht in diesem Land, Sir', sagt er bewundernd.
Gleich will er wissen, wieviel es gekostet hat und sofort taucht seine Hand in seine Jacke und tastet nach dem Stauplatz ihres gemeinschaflichen Fondes. Als ich ihm versichere, dass ich nichts bezahlen musste, fragt er, ob es wohl die echte Polizei war und ob all die Opferbereitschaft keinen Fallstrick verbergen Könnte
Dass die Nummer richtig war aber die Straße falsch, erscheint ihm als äußerst günstig.
'Halb und halb', überlegt er strahlend, 'das ist sehr gut. Ja, sie ist ein allerliebstes Mädchen. Und vielleicht hat sie die andere Straße gemeint aber verkehrt geschrieben? Zwar geht es mit Hindernissen, Sir, wie die Besteigung des Hindukusch, aber die Belohnung kommt.'
Ich hoffe von Herzen, dass er recht hat, doch nach alledem ist bei der Bank auf dem Platz niemand mehr zu sehen, nur der Himmel weiß, wie weit die zwei gelaufen sind. Vielleicht gar in einem Atem bis zu Dehli Castle, wo sie sicherer sind als auf jedem Flecken unserer Stadt und wo sie den Schal und den Ingwertopf noch mal in Ruhe wiederkäuen können. Das wird sie lehren sich mit unseren Mädchen einzulassen. Und nun kann ich vielleicht in Ehren den Dienst quittieren, denn es ist niet sicher, ob Ali ohne seine Freunde gen Maria ziehen will. Als ich ihn frage, was er von dem Verschwinden denkt, schüttelt er jedoch den Kopf, bringt seine Finger an den Mund und lässte einen eigenartiges Gepfeife hören. Es klingt anders als unser hiesiges Flöten aber trägt weit und wird am Ende der Straße von der Kloostermauer zurückgeworfen. Kaum ist das Echo weggestorben, da vernehmen wir in der nächtlichen Weite ein gleichartiges Geräusch und nach einer Wartezeit kommt die dunkle Brut durchs Mondlicht angetrabt. Vorläufig wird also noch nichts aus meiner Entlassung. Erst machen sie in einiger Entfernung Halt, treten dann zögernd näher und mustern mich frech von Kopf bis Fuß, als hätten sie nicht erwartet, mich wieder zu sehen. Am liebsten würde ich dem Gezücht zu Leibe gehen aber schon gibt Ali Bericht seiner Widerfahrnisse und er bleibt eine ganze Weile am Wort, ohne dass sie ihn unterbrechen. Und als er es offenbar über meine Rolle hat, schauen sie bewundernd in meine Richtung und nicken anerkennend.
Nun, da unser Zug wieder vollzählig ist, kann vorgerückt werden, denn die Turmuhr schlägt Elf. Dass Maria eventuell schon im Bett liegt, ist nicht so schlimm, im Gegenteil, das kann alles vereinfachen aber ich bin noch nicht ganz sicher, ob das Carlton wirklich die letzte Staton unseres Kreuzweges sein wird. Zum Glück ist es dieses mal nicht weit, zweite rechts und erste links, ohne Zickzack oder in irgendeine Straße mit Kurven.
Ich bleibe auf der andern Seite stehen um Kortenahrs Hauptquartier zu mustern, denn ich gehe nicht über Eis einer Nacht, wie es die Jungs mit ihrem Stück Pappe tun.
Carlton Hotel ist ein toller Name, aber er passt wie die Faust auf's Auge, denn es ist eines jener gammligen Häuser, wie sie in alle alten Städten zu finden sind, für die kein Finger mehr krumm gemacht wird und die mit finsterem Gesicht in der Reihe stehen. Viel Platz für Gäste kann da nicht sein, denn ich sehe bloß zwei Stockwerke, drei Fenster breit. Keine Spur einer roten Laterne wie bei Fathma. Oben ist alles dunkel und verdeckt aber unten ist eine Kneipe, wo doch Einiges los zu sein scheint, denn ich höre etwas wie Musik. Nichts für jemanden meines Standes, deucht mich, wie mager es damit auch bestellt sein mag.
'Reingehn?' frage ich zögernd in der Hoffnung, dass meine Freunde die Flinte ins Korn werfen.
'Dafür sind wir hier, Sir, nicht wahr?' sagt Ali. Mit unseren Blumen voraus geht er mit gutem Beispiel voran und ich trotte hinterdrein, als vierter Paria.
Erst weiche ich eben zurück wie ein Nichtschwimmer vor der Flut, so stoßend und gewaltig ist der Herzschlag des Plattenspielers, der ratlos durch den engen Raum wirbelt, auf der Suche nach einem Ausweg wie ein wildes Tier. Dicker Tabaksqualm treibt alles umnebelnd umher, aber nach einigem Blinzeln kann ich doch Kortenahr ausmachen, der hinter seinem Tresen steht und vorgibt uns nicht zu bemerken. Er hat einen grauen Krauskopf und eine fahle Hautfarbe, etwas zwischen mir und Ali. Seine beweglichen Äuglein spähen unruhig umher, während er summend Gläser spült, aber gefährlich sieht er nicht aus und ich glaube, dass der Mann von der Wählerliste übertrieben hat. Neben der Tür sitzt eine junge Frau, die ein Kind säugt, am Tresen hängen zwei Dirnchen, die wippend den Plattenspieler begleiten und an der Wand sitzen vier lustlose Kerle beim Kartenspiel. In einem offenen Raum tanzen innig zwei Pärchen, die niemand beachtet. Im Ganzen bloß fünf Mädchen, na prima, jedenfalls auf den ersten Blick.
Mit einem Blick befrage ich Ali, der gleich sagt, dass sie nicht hier ist. Jammerschade, denn dann muss sie weiter gesucht werden und mein Vorrat an Energie ist beinahe erschöpft.
Als wir mit unserem Strauß neben den Kartenspielern Platz nehmen, unterbricht Kortenahr seinen Abwasch, kommt auf uns zu und fragt höflich, was wir gerne hätten. Ja, der Mann ist nicht so schlimm. Für mich einen Schnaps, aber Ali und seine Freunde bestellen Wasser. Andringen nützt nichts, auch wenn ich behaupte, dass ein Schnaps besser ist, weil sie so durchgeregnet sind aber das scheinen sie nicht mal zu fühlen.
Wir werden kurz begutachtet und gewogen und dann machen die Spieler weiter mit einem Auge in den Karten und einem auf unserer Gesellschaft, die zwei rauchenden Mädchen summen weiter mit und die Pärchen drehen sich wieder, wobei einer der Jungen, der lange mit dem Pickelgesicht, jedesmal gegen meinen Stuhl tritt, wenn er vorbeiwalzt.
Während ich etwas dichter an den Tisch rücke, um aus dem Weg zu sein, steht Ali auf, durchquert diagonal die Kneipe, vielleicht um das bestellte Wasser noch schnell in etwas anderes zu verändern. Nein, er lässt Kortenahr rechts liegen und baut sich vor den pickligen Jungen auf wie ein dunkler David vor Goliath. Ich höre, wie er auf Englisch sagt, dass es nun genug ist und, um besser verstanden zu werden, schaut er zu meinem Stuhl und deutet die Walzerbewegung an, indem er mit seinem ausdrucksstarken Zeigefinger in einer imaginären Sauce rührt. Er ist höflich und voller Nachsicht aber doch spricht aus seiner winzigen Figur eine eiskalte Entschlossenheit. Kortenahr unterbricht daher ein weiteres Mal seinen Abwasch, die Karten werden hingelegt und das Gesumme der Mädchen verstummt. Lediglich die junge Frau bei der Tür scheint nichts zu sehen und zu höhren, denn sie lässt ihr Kind weitersaugen als gäbs uns nicht. Was wird das? Und wieder denke ich an Frau und Kinder und meine Pantoffel. Aber ich bin nun mal in See gestochen und muss weiterfahren bis wir stranden auf einer Klippe. Es ist jedoch eine gute Lektion, die Früchte tragen wird und wer mich das nächste mal mitschleppen will, mit oder ohne Talisman, muss schon ein gewichster Kerl sein.
Es ist wie ein Aufatmen als der Pickeljunge endlich seine Erwiderung gibt.
'Halt mich fest', schreit er, 'sonst klopp ich den Pavian durch die Scheiben.'
Doch unverhofft lässt er sichs gefallen, dass ihn jemand auf einen Stuhl drückt, wo er vorläufig sitzen bleibt.
'Nicht gegen Schwarze', warnt ihn sein Mädchen, das Respekt vor meiner dunklen Leibwacht zu haben scheint.
Inzwischen hat Ali wieder bei meinen Kameraden Platz genommen, als jemand, der weiß, dass er seine Sendung vollbracht hat wie es sich gehört und mit unerschütterlicher Ruhe den Folgen entgegen sieht.
Es muss nun unverzüglich gehandelt werden, sonst geht es hier schief oder wir sitzen hier morgen noch. Ja, der fahlblasse Chef muss jetzt dran kommen, denn Maria will offenbar nicht aus dem Himmel fallen.
Als ich mich aufmache und zum Tresen gehe, ist es als erwarte mich Kortenahr, denn er bringt den Plattenspieler zum Schweigen und fragt bescheiden, was wir hier eigentlich wollen. Alles Leben scheint auf einmal zu erstarren. Mit der Musik wird das Tanzen, Kartenspielen und Summen, das wieder aufgelebt war, endgültig stillgelegt und es schlägt sich eine Spannung nieder, die man anfassen kann.
Nun erzähle ich die Legende der Maria Von Damm und flehe ihn an sie zu rufen oder uns in Gottes Namen Zugang zu ihrem Zimmer zu verschaffen, wenn sie in diesem Moment im Carlton Hotel anwesend ist. Oben, hier oder im Keller, es soll mir Wurst sein, wenn das hier bloß ein Ende nimmt.
'Maria Von Damm?' spricht er mir gedehnt nach. 'Eine Blonde?'
Das weiß ich nicht aber ich frage es sogleich Ali, der hoffnungsvoll ja nickt. Und ich kann endlich einen Süfzer der Erleichterung ausstoßen.
'In Ordnung,' versichere ich, 'so blond wie Kornähren. Also los.'
Ich sehe Kortenahrs Mundwinkel sinken, während sich seine dicke Unterlippe hebt und mir kommt es vor, als ob sein fahles Gesicht verteufelt pessimistisch wird. Er schüttelt entmutigend seinen Krauskopf und erklärt, dass er nicht glaubt sie zu kennen.
Das ist stark! Oder hält das Halbblut mich zum Narren?
'Und wenn sie nun schwarz ist,' dringe ich an. Und selbst wenn sie grün ist, macht nichts, wenn wir sie nur erwischen.
'Kannste mich nicht nehmen?' fragt das eine Mädchen, das gerade noch mit dem Plattenspieler mitgesummt hat. 'Ich heiße auch Maria.'
Sie hat ein müdes aber hübsches Gesicht, schätzungsweise 20, gut gebaut und zweifellos kampfeslustig. Während sie spricht, bringt sie spontaan meine Krawatte in Ordnung, die etwas abgesackt war.
Ich werde rot, als ich ihr begreiflich mache, dass es nicht um mich geht sondern mehr oder weniger um meine drei dunklen Kameraden.
'Kein Problem, Kumpel,' versichert sie, 'aber dann gleich, sonst wird es zu spät für mich. Und du kriegst ein Pfund.'
Ein Pfund? Was denkt das Mädel wer ich bin? Aber ich könnte es annehmen um es hinterher Ali zu erstatten, denn für die Jungs wäre es doch eine ansehnliche Preisverminderung. Obendrein beinhaltet der Vorschlag eine Lösung. Der Alptraum hat schließlich lange genug gedauert und mir wird immer deutlicher, dass aus der ursprünglichen Maria nichts wird. Und alle Scham abschüttelnd überbringe ich die Botschaft aber Ali klammert sich an seine Illusion wie an eine Boje.
'Diese, Sir.' Und er zeigt mir wiederum seinen verwünschten Talisman.
Also dann auf gut Glück mit dem Holzhammer auf Kortenahr, dessen Atem ich zu entweichen trachte, denn er hat Knoblauch gegessen, und auf einmal das Wort Polizei losgelassen, das auf ihn wirkt wie eine Entladung, denn er wird kriecherisch, beginnt hastig in der Schublade zu stöbern, befördert ein schmieriges Register heraus, fordert mich dann auf, mich neben ihn hinter den Tresen zu setzen und drängt mich, es selbst durchzusehen. Nun, das ist rasch getan, auch wenn es mich anekelt, denn nach 5 Seiten bin ich schon 2 Jahre zurück, doch keine Spur unseres Quälgeistes. Ein merkwürdiges Hotel, soviel steht fest.
'Gut, sie steht hier nicht drin,' gebe ich widerwillig zu, 'aber dies ist ein Register für Durchreisende, während Maia Von Damm bei der Polizei als im Carlton Hotel angemeldet zu Buche steht. Offiziell an-ge-mel-det, Herr Kortenahr. Wie erklären sie sich das?' Und ich tue mein Bestes um seine Affenäuglein zu fixieren aber die stehen nicht still.
'Ach, guter Mann,' beruhigt mich der Kerl gemütlich, 'in dieser Gegend macht man die seltsamsten Geschichten mit. Seinerzeit war hier jemand angemeldet, den hats nie gegeben!'
Ihr Durst wird also nicht gelöscht werden und unser Strauß wird seinen Dienst nicht tun. Sie werden Maria ebensowenig zu Gesicht bekommen, wie ich Fathma in Bombay.
Als ich wieder hinter dem Tresen hervorkomme, ist die Kneipe wie durch Zauberei leer, bis auf das säugende Mädchen, das sein Kind in Schlaf singt.
Ali hat alles begriffen, denn er dankt mir für all die Mühe, die ich mir ungefragt gemacht habe. Nach Maria fragt er nicht einmal mehr, so sicher ist er sich, dass er und seine Freunde das gelobte Land nicht betreten werden. Er ergreift sein Glas und nimmt einen kräftigen Schluck, wie um sie endgültig runterzuspülen. Und vielleicht ist es besser so, denn nun bleibt mir von Maria wenigstens die Illusion, während doch ein Traum, der Wirklichkeit wird, wie Sand zwischen den Fingern zerrinnt.

Kapitel VI

Jetzt, da sich die lästigen Kunden in Rauch aufgelöst haben, bestelle ich einen zweiten Schnaps, denn ich werde noch etwas bleiben, weil hier ein warmer Ofen bullert, den wir uns doppelt und dreifach verdient haben. Und bevor der sich nähernde Abschied uns wieder zu Fremden macht, will ich noch ein wenig Alis freundlicher Stimme lauschen. Ich frage also, aus welcher Gegend von Indien sie kommen und da stellt sich herraus, dass sie gar nicht aus dem Land von Fathma sind, sondern aus Afghanistan.
'Kabul?'
Nein, nicht aus der Hauptstadt. Sie sind zuhaus im Hochgebirge an der Grenze zu Turkmenistan.
Ob ihr Sultan ein anständiger Kerl ist?
'Weiß ich nicht,' lacht Ali. 'Kleine Vögel sollten aus der Nähe des Adlers bleiben.'
Ich erkläre nun, dass wir hier einen König haben, genau wie in England.
'Ach,' tröstet er, 'überall gibts irgendwas.'
Als ich frage, ob sein Land schön ist, sagt er leidenschaftlich ja. Warum sie dann zur See fahren, statt in ihren Bergen zu bleiben.
'Wir müssen essen.'
Ob sie verheiratet sind?
Er selbst nicht. 'Bei uns in den Bergen sind Frauen und Schafe teuer. Erst noch eine zeitlang auf See um Geld zu verdienen. Aber er hier ist verheiratet.' Und er weist auf den, der ihm am nächsten sitzt. 'Er ist ein bisschen leicht im Kopf. Erst geheiratet und dann zur See.' Und weil Ali vermutlich findet, dass es unglaublich kingt, zwingt er seinen Kameraden in meinem Beisein Schuld zu bekennen, denn das Kerlchen nickt jämmerlich ja und lässt dann das dunkle Haupt sinken.
Ich will wissen, was er von unseren hiesigen Frauen hält, auf die ich so stolz bin.
'Die Frauen, die dem Seemann entlang der Küsten Liebe verkaufen, unterscheiden sich nur durch die Farbe, Sir. Hier sind sie hell, hinter Gibraltar braun und ab Aden finden wir unsere eigene, extradunkle Sorte wieder, aber überall sind sie arg aufs Geld aus, sodass wir nie wissen, wo wir unsere Pfunde verstecken sollen. Aber die hier,' und er starrt nachdenklich auf die primitive Schrift, 'die ist ganz anders. Wie Sonnenschein in diesem nebligen Land, sodass alle auf dem Achterdeck ihre Arbeit ruhen ließen, um zu sehen wie ihre Hände die Säcke änderten, wie sie da saß bei der Luke als würde sie bleiben, wie flux und fröhlich das ging, ohne Hilfe und ohne etwas zu fragen, das Aufblitzen der Nadel, das Lachen ihres Mundes und das Funkeln ihrer Zâhne als sie den Faden durchbiss. Um nicht von all dem zu sprechen, wonach Männer in erster Linie gucken. Wenn ich dieses Papier nicht in der Hand hätte, ich würde meinen ich hätte geträumt. Ich fahre nun schon 16 Jahre zur See aber dies ist die erste Perle, Sir. Ja, eine Perle, es gibt kein andres Wort dafür. Und warum unter dieser grauen Luft, die die Menschen unfindbar macht? Wir wissen es nicht. Ich habe Ihnen bereits gesagt, was wir ihr geschenkt haben und vielleicht finden Sie, dass wir mehr hätten tun können, aber Seeleute müssen rechnen und unser Lohn erlaubt es uns nicht, sodass wir unserem Freund hier, der verheiratet ist und ein bisschen leicht im Kopf, den Schal vergüten mussten, den er in Bombay für seine Frau gekauft hatte und den er ihr ohne nachzudenken gebracht hat, weil Nachdenken in ihrem Beisein so schwierig war. Nicht jeder kann beim Geben auch an sich selbst denken, auf dass der Geist die Hand bremsen möge.'
Er wendet sich für irgend eine Bestätigung an seine beiden Kameraden, denn die kleffen dezidiert etwas zurück, woraufhin alle drei schweigend auf den Tisch niederschaun.
Um die gedrückte Stimmung zu durchbrechen, frage ich welchem Gottesdienst sie angehören, aber der Übergang war sicher zu radikal, denn er scheint mich nicht zu begreifen.
Also werde ich mal versuchen meine Worte in ein Bild zu bringen und ich zeichne einen sitzenden Buddha mit seiner Lotusblume, Ohrläppchen bis auf die Schultern und einem Nabel wie ein starrendes Auge. Dann frage ich, ob das das Bild ist von dem, an den sie glauben.
Mit einem Blick hat Ali verstanden, gibt meine Zeichnung weiter und übersetzt meine Worte seinen Freunden, was er jedes mal tut, wenn er eine Frage die Mühe wert findet.
'No, Sir, wir sind von Mohammed,' sagt er mit Nachdruck, wozu seine Macker einstimmend nicken. Und er entledigt sich meiner heidnischen Skizze indem er sie mir wieder zuschiebt.
'Allah?'
'Ja, Allah,' sagt er leise, als fürchte er, der heilige Name könne bei Kortenahr befleckt werden.
'Gut?'
'Das einzig Gute, sagt man.'
Um nun auch etwas von mir zu erzählen, sonst bekäme es etwas von einem Verhör, teile ich ihm mit, dass wir hier Christen sind, doch den Ausdruck scheint er wieder nicht zu begreifen.
Auf Buddhas Rückseite zeichne ich nun unseren Christus an seinem Kreuz, mit den gebräuchlichen Attributen wie Krone; bitterem Mund und herausquellenden Rippen.
Sie geben tieferes Mitleid zu erkennen als je von einem Chisten ausgehen kann und Ali sagt 'armer Mann'. Er hat schon mehrere in der Stadt hängen gesehen und sie jedesmal von Herzen beklagt.
'Wird das hier viel getan?' fragt er, woraufhin ich ihn zurechtweise indem ich sage, dass das unser Gott ist, unser Allah.
Er übersetzt augenblicklich, so eigenartig findet er meine Aufklärung, und jetzt betrachten alle drei unseren Kreuzesträger mit intensiver Neugier.
'Warum hat er das tun lassen?' fragt Ali, 'und wer hat sich das getraut?'
Als ich sage, dass er es selbst gewollt hat, sehe ich, dass sie sprachlos sind vor Erstaunen.
Erklären ist undenkbar, denn sie stehen vor der selben Mauer, an der ich seit einem halben Jahrhundert entlanglaufe ohne eine Tür zu finden und drum sitze ich mit unserem Menschengott ziemlich in der Klemme gegenüber der abstrakten Einheit ihres Allah. Aber ich kann es richtigstellen und erkläre, dass es eigentlich nicht Gott selbst ist, sondern dessen Sohn. Das scheint jedoch Öl ins Feurer gegossen, denn sobald Ali übersetzt hat, kommt Animo in meine Afghanen. Vor allem das verheitratete Männlein ist am Wort und als sein Vortrag endlich stockt, setzt Ali wie ein Axiom voraus, dass da auch eine Frau sein muss, was ich zugebe.
'Und noch mehr Jungen oder Mädchen?' fragt er neugierig.
'Nein, nur ein Sohn.'
'Sehr merkwürdig,' sagt er kopfschüttend. 'Er hat die Gestalt eines Menschen, sodass die, die es sicht getrauten, dem Schöpfer des Weltalls die Hand geben konnten.'
Es scheint nötig nun Gott den Vater unverzüglich ins Spiel zu bringen, denn der ist doch der Urbegriff, der als solcher meine Afghanen mit dem Übrigen versöhnen könnte aber ich zögere ob nackt oder gekeidet, großzügig oder drohend, mit oder ohne Bart. Obendrein gehörte der Heilige Geist mit eingeschaltet, sonst könnten sie nach meiner unvollständigen Schilderung noch an eine Art Familie denken, die immer noch irgendwo hier auf der Erde ansässig ist. Ich fürchte jedoch, dass diese dritte Person sie noch mehr verwirren würde und außderdem merke ich, dass mein Englisch dieser Aufgabe nicht gewachsen wäre.
Jetzt, wo Liebe und Glaube erledigt sind, kann schwerlich diejenige Bewegung außer acht gelassen werden, die überall auf der Welt die Herzen in Aufruhr bringt und daher frage ich, ob sie schonmal was vom Kommunismus gehört haben.
'Ein paar aus unserer Gegend haben schonmal die nördliche Grenze überquert und ein paar sind drüben geblieben. Und bisweilen kommen Reisende aus dem großen Land und erzählen beim Lagerfeuer von dem großen Propheten, der schon jahrelang in einem gläsernen Grab liegt ohne zu Staub zu zerfallen und dieser Prediger war von dem neuen Glauben ohne Gott, in dem alle gleichwertig sind mit Frauen und Schafen, nach Essen und Kleidung, nach Wohnung und Geld. Und zwar nicht erst später im Schoße Allahs, denn das lehrt man uns schon lang, sondern schon hier auf Erden, was auch nicht zu verachten ist.'
Der Kern der Sache ist ihm also nicht entgangen, wie schwarz er auch aussieht.
'Gewiss, schon hier auf Erden, von der Geburt bis ins Grab. Denken Sie, dass Mohammed etwas dagegen hätte? Oder wollte er, dass Gelchheit erst nach dem Tode anfangen sollte?'
Ali antwortet nicht gleich sondern berät sich erst mit seinen Freunden, wobei ich den Eindruck kriege, dass die Unterhaltung umsichtiger ist als über die Frauen, oder über die Zusammensetzung unseres westlichen Gottes. Schließlich kommt eine Gegenfrage:
'Hatte Ihr Mann am Kreuz etwas dagegen?'
Gleich merke ich, dass unsere Freunschaft zu Zeit in der Luft hängt und dass wir im Augenblick bloß noch wie Diplomaten einander gegenübersitzen. Dagegen muss ich gleich angehen, sonst wird alle weitere Annäherung unmöglich.
'Soweit ich weiß, hat er nie etwas dieser Art gesagt. Im Gegenteil, er wollte die Großen kleiner und die Kleinen größer machen und vor allem, dass jeder seine eigene Seele nach faulen Stellen durchsuchte aber hauptsächlich sprach er über das Leben im Jenseits, also im Schoße seines Vaters. Da erst solle man Lohn nach Werken bekommen.'
'Das war auch weniger gefährlich, denn selbst Prediger müssen auf die Mächtigen achten und die besitzen lieber auf Erden. War er vielleicht vorsichtig?'
'Jedenfalls sprach er in Gleichnissen. Aber er lebte auch unter gefährlichen Menschen'
'Und doch nicht vorsichtig genug,' überlegt Ali, der offenbar an das Kreuz zurückdenkt und an die herausquellenden Rippen. 'Nicht alles gesagt und soch zuviel? Aber es ist sicher sehr lange her und bevor alles gesagt ist, müssen viele das Wort führen. Erst haben die Alten fürs Jenseits gepredigt und jetzt die Neuen fürs Leben hier auf Erden. Sie ergänzen einander, denn ein und derselbe Mann kann nicht das erste und das letzte Wort sagen.'
'Und Mohammed?' Ich wünschte, dass er Farbe bekennt.
'Unser großer Prophet ist vorsichtiger gewesen. Der ist wenigstens am Leben geblieben bis Allah ihn rief. Aber auch er kann nichts dagegen haben, denke ich, dass die Gleichheit schon in dem Teil unseres Seins anfängt, dessen wir am sichersten sind, denn man muss manchmal lange warten, bis man in seinen Schoß aufgenommen wird, nicht wahr, Sir?'
'Aber was tun mit den Mitmenschen wie Ihrem Sultan oder dem König von England?'
'Unter Geld begraben wenn sie zustimmen.'
'Und wenn sie nicht zustimmen?' Ich öffne meine Hände und strecke sie fragend nach ihm aus, was vom Nord- bis zum Südpol sagen will: 'Ja, was dann?'
Eben zögert Ali wie der Hund vor dem Wasser, wagt aber doch den Sprung, denn er deutet in der Luft mit seinem famosen Zeigefinger eine Schlinge an und zieht an einem unsichtbaren Strick.
Ich frage ihn, ob er keine anderen Mittel kennt, denn er kommt mir vor wie ein frischgebackener Volkskommisar, der kurzen Prozess macht. Er denkt wirklich nach, scheint aber kein Surrogat zu finden.
'Ohne Gewalt wird es nicht gehen', schlussfolgert er, 'denn die Großen haben die Macht aber die Kleinen sind zahlreich und den Ameisen widersteht der Tiger nicht. Ameisen jedoch sind blind, während der Mensch vor dem Tod zittert, denn auch wenn er glaubt, sicher ist er nicht. Man hat uns die Welt gegeben als Hain, in dem das Ernten unsere Arbeit sein soll, also hat der Mensch die Gleichheit in Händen. Und doch werden viele kleine Allah sehen bevor das Werk getan ist.'
Plötzlich macht er einen Schwenk, als sei es ihm zu heiß geworden und er fragt mit dem scheinbaren Interesse eines Ministers, ob ich selbst noch nicht an Heiraten gedacht hätte, woraufhin ich royal bekenne, dass ich nicht viel besser dran bin als sein Kamerad, der erst heiratete und dann zur See fuhr.
'Außerdem habe ich das Mädchen von den Säcken nur für Sie und Ihre Freunde gesucht' versichere ich nachdrücklich wie ein Verdächtiger, der dem Richter zuvorkommt. Und ich muss mich zurückhalten keinen Eid drauf zu schwören.
'Das wissen wir', beruhigt Ali mich und keine Miene seines Gesichtes lässt vermuten, dass es nur aus Höflichkeit ist
Ob ich auch Kinder habe?
'Sechs,' gebe ich zu, denn jetzt, wo sie an die Reinheit meiner Absichten glauben, können die paar Kinder gewiss noch dazu.
Er informiert seine Freunde und aus ihren Mienen geht hervor, dass sie das als eine Leistung betrachten, die mein Ansehen erhöht.
'Alles Töchter?' fragt er behutsam.
Dieser gute Kerl wagt es offenbar nicht von Söhnen zu sprechen, als fürchte er, dass mir das Wort weh tun würde, falls Allah mir keine männlichen Nachkommen vergönnt haben sollte.
Als ich ihm versichere, dass drei Jungen darunter sind, ergreifen sie ihre Gläser und trinken begeistert ihre letzten Restchen Wasser aus, als Huld auf mein Geschlecht.
'Eine Frau, drei Söhne und drei Töchter,' überlegt er. 'Sie haben nicht nur viel Macht in diesem Land, sondern Sie sind auch ein glücklicher Mensch was noch besser ist, denn ein mächtiger Mann muss stets den Strick vor Augen haben aber einem glücklichen Menschen kann niemand etwas anhaben.' Und nach einem Blick auf meinen dritten Schnaps, den mir Kortenahr gerade vor die Nase gestellt hat: 'Warum trinken Sie dann das Feuerwasser?'
Ich fühle mich wie erwischt aber meine angebohrene Schüchternheit verbietet mir zu bekennen, dass es mir schmeckt, sodass ich mich gezwungen sehe etwas zusammenzureimen: 'Wenn es in unserem Land kalt und feucht ist wie heute Abend...', beginne ich zögernd aber er kauft mir gleich meine Erklärung ab.
'Sie tuns also nicht, um Ihren Kopf drehen zu lassen wie die meisten hier, sondern als Medizin? Das dachte ich mir. Ihr Mann am Kreuz würde es ebensowenig gutheißen wie Allah, nicht wahr?'
Der heilige Name lässt ihn eben in Grübeln versinken, bringt ihn zurück zu unserem theologischen Gedankenaustausch, denn nach einer Weile legt er seine Hand ehrerbietig auf meine und er schaut mich ernsthaft an.
'Sir', sagt er, 'unser Allah hat keinen Sohn, keine Frau, keinen Vater und keine Mutter. Er ist allein. Und nie wird ihn jemand zeichnen, denn wer ihn sehen will, muss erst sterben.'
Auf dieses Bekenntnis gibts keine Antwort. Es ist der Schlussakkord unserer asiatischen Symphonie und es wird langsam Zeit, wieder an zuhaus zu denken, denn wenn ich mich nicht beeile, ist meine Nachtbahn weg. Außerdem kriege ich Mitleid mit dem Wirt, der uns hinter seinem Tresen trübe anstarrt und auf unseren Abzug wartet, der das Signal zur Rückkehr seiner normalen Kundschaft sein wird.
Als er kassieren kommt, habe ich die größte Mühe zu verhindern dass Ali bezahlt, während ihre sechs Arme wie ein Tintenfisch zappeln um zu verhindern, dass ich mit dem Wirt in Kontakt komme. Das verheiratete Männlein murmelt noch etwas, woraufhin Ali behauptet, dass wer alle Arbeit getan hat, auch belohnt werden soll aber als weißer Mann habe ich schließlich das letzte Wort.
'Und doch muss sie hier wohnen, Freundchen,' versuche ich es nochmals als er das Wechselgeld bringt, aber der Mann gibt keine Antwort, wie einer der weiß, dass man mit Reden nichts verdienen kann.
Unterdessen debattieren meine Kameraden noch immer, als könnten sie sich mit dem Ablauf nicht zufrieden geben.
Wenn Sie noch Lust haben, trinken Sie dann ein letztes Glas auf unsere Rechnung', schlägt Ali vor, aber um meinen Eindruck nicht zu verderben, erkläre ich, dass man von Alkohol keinen Missbrauch machen soll.
Ali nimmt seinen Talisman vom Tisch, dreht das Ding ein paar mal um als wüsste er nicht recht, was damit zu tun, verstaut es aber schließlich doch in einem der Abteile seiner Ausgehjacke.
'Vielleicht können wir es nochmal brauchen', meint er, 'wenn die Umstände günstiger sind.'
Das Mädchen ist leergesaugt, die Brüste schlampig eingepackt, sodass uns die weiße Haut durch die Bluse zuschimmert. Als wir uns ihr nähern bleibt Ali stehen wie ein neuer Melchior und starrt gedankenverloren auf das Kleine, das mit geballten Fäustchen schlummert, während noch ein Tröfchen Milch, das sich einen Weg über seine Wange bahnt, behutsam von der Mutter aufgefangen wird. Auch seine beiden Freunde begucken schüchtern den kleinen Wurm, dem die Lebenspforte gerade erst geöffnet ward.
'Das ist die beste Zeit,' erklärt Ali, 'hier, in Afghanistan und in der ganzen Welt. Möge Allah ihn beschützen und möge ihm auch der neue Gottesdienst zuteil werden.'
'Glotz woanders hin, hässliches Biest,' faucht das Mädchen. Und mit einem Ruck kehrt sie ihm den Rücken zu wie um ihr Kind vor dem bösen Auge zu behüten. Ali, der von ihrem Flämisch kein Wort versteht, nickt gutheißend.
'Sie vergessen Ihr Bukett, Herr,' roeft Kortenahr mir nach.
'The flowers,' wiederhole ich wie ein Echo, denn ich weiß nichts damit anzufangen.
'Für die junge Mutter,' beschließt Ali. 'Sobald Kind, Geschenke knapp.' Er nimmt die Blumen und legt sie umsichtig neben dem scheuen Madchen auf einen Tisch, wobei der Wirt eine Grinsfresse zieht, die mich frösteln macht.
Mit einem letzten Blick nimmt er Abschied von der desolaten Wirtschaft, von Kortenahr, von der jungen Mutter und ihrem Säugling und öffnet dann die Tür mit der Feierlichkeit eines Hohepriesters.
Vor uns liegt die ausgestorbene Stadt wie eine Ruine im Mondlicht und ich werde noch ein Stückchen mitgehen, sonst könnten sie sich noch verlaufen.
'Doch schade, dass wir das Mädchen von der Zigarettenschachtel nicht gefunden haben.' Denn obwohl sie scheinbar schon über Maria hinweg sind, mehr oder weniger, ich bin es nicht.
'Ja,' gibt er zu. 'Aber sie ist wie ein Bild, das man im Wasser sieht. Will man es ergreifen, dann ist da nichts. Oder wie Lichter im Moor. man kann ihnen nachlaufen aber man erreicht sie nicht. Aber Sie haben ihr Bestes getan, Sir,' sagt er anerkennend und die beiden andern bestätigen seine Worte mit Gebährden, so übertrieben als wäre ich Al Rachid persönlich.
'Glauben Sie wirklich an den Mann am Kreuz, Sir?' fragt Ali.
In unseren Breiten glaubt man allgemein an ihn.
'Dann hat er vielleicht gefügt, dass Sie ihr nicht begegnen sollen, denn Sie sind gut aber leidenschaftlich und das Mädchen ist allerliebst.'
Will Ali mich unter seinen väterlichen Schutz nehmen oder ist das eine perfide Anspielung? Ich werde schonmal Schutz suchen unter dem Banner meiner Familie.
'Ich sagte Ihnen doch, dass ich verheiratet bin und sechs Kinder habe?'
'Gerade darum. Auch wenn Sie nichts mehr zu verlangen haben, das Mädchen ist all zu lieb und das Fleisch ist schwach.'
'Aber Ihr Kamerad, der ein bisschen leicht im Kopf ist, ist doch auch verheiratet? Erst geheiratet und dann zur See gefahren, haben Sie erzählt. Und der ist nichtsdestotrotz verliebt in sie. Und was mich angeht, ich kenne sie nicht einmal!'
'Dass Sie sie nicht kennen, ändert nichts an der Sache, im Gegenteil. denn wie lieb sie auch ist, der Geist macht alles noch schöner. Und was meinen verheirateten Freund betrifft, Allah ist groß und fahrenden Seeleuten wird manches vergeben.'
'Hart ist das Leben der Seeleute', gebe ich entgegenkommend zu. 'Schwerste Arbeit, auch bei Sturm und Unwetter, ist ihr Los.'
'Nein, Sir', sagt er lachend, 'ganz so schlimm ist es nicht. Die Menschen an Wall stellen sich allerlei vor. Aber es gibt halt keine Frauen an Bord, sehen Sie, Sie aber können täglich über die Mutter Ihrer Kinder verfügen. Um es Ihnen nicht schwerer zu machen, hat der Mann am Kreuz die Spur des Mädchens möglicherweise ausgewischt oder sie unsichtbar gemacht, sodass wir sie nicht finden können, auch nicht mit Ihrer Hilfe und der des hohen Beamten von der Polizei, der die Wohnungen aller Leute kennt. Der sich selbst ans Kreuz nageln lässt, muss ein mächtiger Zauberer sein. Wenn er es war, hat er weise gehandelt, denn wir hatten keine Gelegenheit Sie zu warnen, dass Sie um so mehr auf der Hut sein mussten, als sie von Ihrem Volke ist und eine Flut von Worten könnte vielleicht alle Hindernisse hinwegspülen.'
'Vielleicht seht Ihr sie ja nochmal wieder', sage ich ablenkend, um den Gotteslästerungen ein Ende zu machen.
'Vielleicht auf einer kommenden Reise, wenn wieder Säcke geändert werden müssen. Für uns Menschen ist die Zukunft ein geschlossenes Buch.'
Und Ali macht eine fage Bewegung mit der Hand die deutlich sagt, dass Allah es fügen wird.
Eigentlich ist unser Zyklus nicht vollständig, denn ich habe die Lange Ritterstraße noch auf der Hinterhand. Soll ich? Es ist ganz in der Nähe aber die Straße scheint mir auf einmal ganz weit weg, endlos weit, so weit, wie der einzige Ort, wo die Dinge sind, die man nie erreichen wird.
Wir sind inzwischen an der Werft angelangt. Wenn sie hier weitergehen kommen sie totsicher bei der Dehli Castle raus und können in die Kojen. Verirren geht nun nicht mehr, denn der Weg ist abgegrenzt durch eine Reihe Mastodonten, die an der Kaaimauer schlummern.
Nun, da es Abschied geschlagen hat, denke ich zurück an die Polizeiwache und an Alis Blick, als er unter seinem schwarzen Helm aufschaute. Und als ob unser Umzug noch lange weiter ginge, spreche ich die Hoffnung aus, dass er mich nie mehr verleugnen möge.
Er denkt nach wie jemand, der sein Gewissen untersucht um keine leichtfertige Antwort zu geben.
'Verleugnet hab ich Sie nicht', sagt er leise. 'Mein Geist hat geschwankt aber mein Herz nicht.'
Ich wünsche ihm nun glückliche Heimreise und um den Abschied fröhlicher zu machen sage ich, dass sein verheirateter Kamerad daheim nicht zu viel von dem Mädchen erzählen soll, wegen der Frau, die er sitzen lassen musste um zur See zu fahren.
'Das wird er nicht tun,' versichert Ali, 'er ist zwar leicht aber er hat eine vorsichtige Zunge.'
Und nach einem Augenblick Stille, denn ich habe nichts mehr zu sagen: 'So wie für jeden die Zeit kommt, wo er sterben muss, Sir, ist es für uns jetzt Zeit, sie zu verlassen. Ich wünsche Ihnen Freude und Gesundheit in diesem nassen Land und möge die Zahl Ihrer Söhne noch wachsen, dann werden Sie nach Ihrem Tod nicht vergessen. Wir haben bei allem was Sie taten andächtig zugeschaut, denn in der Fremde muss man auf der Hut sein wie Tiere in der Wildnis und wir haben gesehen, dass Sie es gut mit uns meinten als wären wir Brüder und wir gehören nichtmals zu Iihrem eigenen Volk. Sie haben nicht nur keine Belohnung annehmen wollen, sondern auch noch das Wasser und den Alkohol bezahlt und ich habe hart arbeiten müssen, um ihnen wenigstens das Geld für die Blumen zurückgeben zu können. Und all das, weil Sie wusten dass wir unbekannt waren in dieser Hafenstadt. Ja, wir haben alles verstanden. Ich bin Ihnen dankbar und meine Freunde sind es auch, auch wenn sie es nicht selbst sagen können. Wenn Sie in ein fernes Land kommen, dann hoffe ich, dass Ihr Mann am Kreuz Ihnen jemanden schickt, der mit ihnen geht solange wie sie mit uns gegangen sind, ohne zu sagen dass es zu stark regnet, denn ein hilfsbereiter Fremder ist ein Leuchtfeuer in der Nacht. Und was das Mädchen betrifft, sollten Sie sie treffen, Sir, sagen Sie ihr, dass wir bei dem Mann mit den Vogelkäfigen waren, der erst ihren Brief auf den Boden gelegt hat und nicht sprechen wollte, bei dem hohen Polizeibeamten, der selbst die Blumen aufgehoben hat, und bei dem Mann, der nur spühlt und Lieder singt, dass wir also alles getan haben, was vier Menschen bei Nacht in einer Stadt wie dieser tun können. Und dass sie ausschauen soll nach der Dehli Castle, denn die kommt sicher wieder, wenn sie nicht vergeht. Wenn sie nicht an Bord geschickt wird, dass sie dann selber kommen soll bis zum Achterschiff bei der Luke, da wird einer von uns dreien sie erwarten. An neuen Geschenken soll es nicht fehlen, auch wenn die ersten zu nichts geführt haben. Aber passen Sie auf sichselbst auf, denn man kommt nur schwer wieder weg von ihr. Es ist darum ratsam mit ihr zu sprechen ohne sie zu berühren.'
Ich erinnere ihn nochmals, dass ich sie - leider - nicht kenne.
'Aber Sie kennen alle Worte, die auf dem Papier stehen, sodass Sie fragen können und am Hafen kann man sich nicht irren, denn es ist kein zweites Sackmädchen wie sie, so sicher wie Allah der einzige, wahre, allmächtige Gott ist.'
Er steht eben rührlos und starrt zu Boden wie im Zweifel ob er noch etwas sagen oder tun soll, greift dann in sein Jackenfutter und bietet mir wieder eine Schachtel Zigaretten an.
'Jetzt, wo sich unsere Wege trennen, können sie nicht ablehnen.'
Ich nehme das Geschenk in Empfang und versichere ihm, dass ich es als Andenken bewahren werde.
'Nein,' rät er, 'Sie müssen sie aufrauchen, sonst vertrocknen sie. Wahre Freunde haben kein Unterpfand zum Gedächtnis nötig.'
Diese Worte, es sind die letzten, besiegeln unsere kurze Brüderschaft.
Noch ein Handdruck und sie gehn. Und als sie allein sind laufen sie wieder in nationaler Reihenfolge mit Ali an der Spitze. Unter de ersten Laterne bleiben sie stehen als wüssten sie, dass ich ihnen nachschaue, winken mir ein letztes Lebwohl zu und schrumpfen dann schnell zu Ameisen in der Tiefe der endlosen Werft.

Auf dem Heimweg muss ich nun eigentlich durch die Lange Ritterstaße, und es wäre unverantwortlich zu kneifen. Ich bin kein Missetäter und darum werde ich hindurchgehen und kostete es mich den Kopf.
Um eine bekannte Ecke und sie liegt vor mir: ein Streifen Mondlicht und daneben eine Bank im Schatten. Wie spät mag es sein?
Von allen Straßen unserer Stadt scheint mir dies die ärgste. Generationen Proletarier haben hier unermütlich gewuchert und gestunken, Bruchbuden, die sich nur noch mit allergrößter Mühe aufrecht halten können. Niemand ist zu sehen, nichts zu hören, zu dieser Unzeit. Und aus der alten Kanalisation kommt ein Gestank, von dem mir schlecht wird.
Die 71 ist eine gammlige Tür mit einem Fenstermaul, das zur Hälfte mit Brettern vernagelt ist. Vom fahlen Gesicht hängt der Putz in Lappen herunter und aus einem Abwasserrohr, das wie ein Galgen absteht, tröpfeln schwerfallig die letzten Tränen der Regenfront, die mich gehindert hat in meine Stammkneipe zu gehn.
Solltest du es wagen an diesem Heiligtum anzuklopfen um in Alis Namen zu verlangen, dass sie Maria herausgeben, die heute früh an Bord der Dehli Castle war, wegen der Säcke? Denn hier ist es, ich fühle es.
Komm, alter Lüstling, es ist genug. Lass sie in Frieden ihre letzten Zigaretten genießen, von ihrem Schal träumen und ihrem Ingwertopf. Und geh weiter, dann wird dir vieleicht die Geilheit nicht angerechnet, die in dieser nächtlichen Treibjagt deine Stütze war.
Vor allem jetzt nicht Trübsal blasen und mit nach Bombay wollen, nicht weitersuchen nach Fathmas Nest, sondern zügig nach haus mit meiner Zeitung und Platz genommen im Kreis derer, an die ich gebunden bin, und die mich langweilen, unaussprechlich langweilen.
Und wieder an Ali denkend, fällt mir ein Lied aus meiner Jugend ein:

Adieu, adieu,
I can no longer stay with you,
I hang my harp on a weeping willow-tree
and may the world go well with thee.

Ja, Brüder, es möge Euch gut gehn in der Welt. Möge Allah euren Pfad ebnen und Euch behüten auf See und Euch zurückführen in Eure Berge, wenn die Zeit gekommen sein wird. Und was Maria und Fathma betrifft, lasst uns nicht verzweifeln, denn der Wille des Herrn ist ja unergründlich.

Antwerpen, 1946

Übersetzung & layout: Winfried Kamps, 2007