PRIMÄRTEXTSTELLEN
... doch empfinde er Schmerzen wegen der "schlammigen Niers". das
müsse geändert werden. (...)
Die Zeilen also, mit denen der Sang anhebt und auf die ich damals sicher
stolz war, künden vom Schlamm des Flusses, an dessen Ufern ich geboren
bin: "Dort wo die Niers ihre schlammige Flut / durch Wiesen windet und
wälzt ..."
Was hat es nun auf sich mit diesem Schlamm?
(...) Die Niers gehört zu den ausgeglichenen Flüssen. (...)
Im Bezug auf die Flusstrübe steht sie einem der südamerikanischen
Schwarzwasserflüsse in nichts nach. Nur verdanken die exotischen
Flüsse
ihre Schwarzfärbung der Huminsäure verwesender Pflanzen, während
die Niers ihre Palette aus den Abwässern der Fabriken bereichert,
die an ihrem Oberlauf angesiedelt sind. (...) Ich habe diesen Fluss von
Kindsbeinen
an nur in seiner exotischen Schwärze erlebt. (...) Soll ich darum
die Niers weniger lieben als den Nil? Merkwürdig ist ja auch, rein
philologisch, dass in meiner Heimat der Schlamm auch sonst noch verpönt
ist. Die Schmerle z.B. auch Schlammbeißer oder -peitzger genannt,
heißt bei uns
Sonstruschel,
die Sandtrusche, da will also auch der Volksmund vom Schlamm nichts wissen
und zieht den sterilen Sand der geheimnisvoll undurchsichtigen Salse
vor.
Es wäre intressant solchen Dingen einmal nachzugehen. Für mich unterliegt
es keinem Zweifel, dass wir es mit religiösen Verdrängungen schlimmster
Art zu tun haben, die uns in den Urbeginn der Welt zurückversetzen, in
eine Zeit, wo aus dem Schlamm der Aal entstanden sei, der wiederum das
Sinnbild des Phallus ist. Das sind unheimliche Zusammenhänge, die weder
dem geschäftlich nüchternen und gänzlich unmusischen Bürgermeister, noch
seinem poetischen Trabanten deutlich geworden sein dürften. (...)
Aus: "Niers und Nil", in Die Horen Nr. 199, 2te Auflage, 2001
Hier gibt es viel Feuersalamander. Zwei habe ich gefunden. Sie waren
auf ihrem plumpen Gang in die Winterquartiere in die Kellerluke gefallen.
Ich habe ihnen anhand eines sofort gekauften Fachwerkes aus der Lehrmeisterbücherei,
für eine Mark, aus einer Margarinenkiste ein Terrarium gebaut, sie
sind darin herumspaziert und haben sich dann Schlupfwinkel gesucht, wo
sie
dösen können. Zu einem festen Winterschlaf kommt es, laut Brehm,
in diesem Klima nicht. gestern fand ich einen dritten, ein dickbäuchiges
Tier, das wie tot war. Ich verabreichte ihm ein Bad, da es schon sehr
trocken
war. Nach einigen Stunden regte es sich, und plötzlich fing es an
zu gebären, unter ständigen Verkrampfungen des ganzen Leibes.
Sehr aufgeregt habe ich eine Lupe und den Brehm zugezogen und die Geburt
geleitet,
aber durch den Fall (ein Meter) war das Tier schon sehr mitgenommen,
zehn Larven
kamen heraus, von denen eine Totgeburt. Die andern habe ich sofort in
ein Honigglas gesetzt. Die Jungen sehen aus wie Kaulquappen, nur sehr
langgestreckt, mit Außenkiemen. Das Muttertier ist über Nacht
eingegangen. Normal werfen sie bis zu 50. Nun muss ich Wasserflöhe
kaufen, und neben den großen Pieringen auch Pieringskens suchen,
um die Brut aufzuziehen. Hinzu kommt, dass in dem Büchelchen auch
so ein lapidarer Satz steht wie in jedem Kanninchenheftchen ("kommt
der Rammler dann zum Sprung, so kann man des Erfolges sicher sein"),
nämlich im Kapittelchen über
Lebendfutter, nämlich Fliegen: Fliegen kann man auch züchten!
Als ich das las entfuhr mir ein Ruf: [weggelassen vom Herausgeber] und
keine zwei Minuten später war schon ein Brief an einen mir befreundeten
Verleger in Stuttgart (ernst Klett) unterwegs, mit der Bitte, durch seinen
jüngsten Stift eine Nummer der Fachzeitschrift für Terrarienkunde
auftreiben zu lassen, wo Näheres über Fliegenzucht vermeldet
steht? Denn ich verkündete
Beatrice: Ich züchte jetzt Fliegen. Beatrice erschrak sehr und
fragte: Wo? Haben wir nicht schon genug unter dieser Plage zu leiden?
Im vergangenen
Jahr die Invasion, Millionen im Einstein-Zimmer? Für 10 Franken
Flitt, und noch immer sind sie da? - Als ich ihr dann sagte es käme
unter meiner pflegende Handzu keinen Entweichungen wie zu hause in der
Krefelderstraße
mit der Mehlwurmtonne, zudem würde ich die Zucht in meinem eigene
Arbeitszimmer anlegen, um mich am schöpferischen Gewusel zu inspirieren:
da beruhigte sie sich. Dann las ich ihr die paar Zeilen aus dem Büchelchen
vor. Bei der Stelle: Die frisch geschlüpften Fliegen sind noch nicht
nahrhaft und müssen erst gefüttert werden, gesüßte
Milch mit Zusatz von Eigelb und Vitaminen, - da sagte sie, das ginge
zu weit, ha, Vitamine, die kriegten
sie aber nicht, solange es meinen Augen noch schlecht gehe, (das bedarf
einer Erklärung, ich schlucke nämlich fûr viele Franken
auch Vitamine.) Immerhin, ich erwarte mit Spannung den Fachaufsatz und
dann züchte ich
auf Fliege komm heraus. Du wirst sagen, es gebe ansprechendere Tiere.
Gewiss, aber man soll klein anfangen. Wenn mein Verleger mich nicht
so gründlich betrogen hätte, würde ich mir Wellensittiche
züchten und
einen Hund halten...
9.2.56 in einem Brief an Johanna Thelen, abgedruckt in Die Horen Nr. 199, 2te Auflage, 2001
[Großschreibung und neue Rechtschreibung von mir hinzugefügt]
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War Thelen Aquarianer?
fragt sich Winfried Kamps
Nach Durchsicht der Briefe und weiterer Texte und Zeugnisse im Materialband
Die Horen Nr 199 ergibt sich eine Nähe zu diesem
Charaktertyp aber einen Aquarianer kann ich ihn bei meinem Stand
der Zudringlichkeit bislang nicht nennen.
Ich erwähnte bereits,
dass Aquaruim Umgang mit Mulm usw bedeutet. Zum Schlamm jedenfalls
hat Vigoleis aus seiner Kindheit ein intensives Verhältnis ins
Erwachsendasein mit hinübergenommen. Mulm, Schlamm hat mit der
Entstehung von Leben zu tun (Aristoteles ?), da ist eine Verbindung
zum weiblichen Prinzip, zur
Mutter. Die Ausdrücke Mutterboden und Mutter Erde
bestätigen das. Kinder haben eine besondere Nähe zu
Schlamm, denn sie haben noch nicht gelernt, diesen als Schmutz
zu meiden. So gesehen kommt der Mensch wirklich aus dem Schmutz. (Gedenke
Mensch, dass du Staub bist...) Es ist daher vielleicht auch nicht verwunderlich
dass Thelen seine dichteste Annäherung ans Aquariensyndrom in Briefen
an seine Mutter erreicht. Doch zunächst ist da die Niers,
der Fluss seiner Kindheit, sein Uraquarium:
"Was hat es auf sich mit dem Schlamm?"
In seiner gewinnenden Schilderung
Niers und Nil (siehe 1. Text in der Spalte links) erzählt
er von einer seiner frühesten
dichterischen Erfahrungen als süchtelner
Stadtliedtexter. Vom Bürgermeister aufgefordert,
Süchteln in einem Heimatlied zu preisen, setzt er beim Schlamm der
Niers an. Im Bericht über diese Jugenderinnerung kommt er
der Aquarianersprache nahe. Vor allem die schlammige Schwärze der
Niers hat es ihm angetan:
"Ich
habe diesen Fluß von Kindsbeinen an nur in seiner exotischen Schwärze
erlebt, und nie sah ich ihn seinen Lauf beschleunigen. Ein leichter, gegen
den Strom gerichteter Windstoß genügte, dass er stromaufwärts
floss, an windstillen Tagen war er regungslos wie der Teich der Droste.
Lebewesen barg er keine, vielleicht abgesehen von Mikroorganismen, etwa
Plankton, das sich leicht den veränderten Bedingungen anpasst, wie
es heute im Rhein der Fall zu sein scheint...."
Im Bahßetub findt sich die Grablegungsszene in der Niers wo diese
Schwärze dichterisch bis zum Gehtnichtmehr ausgeformt ist.
Was Fische betrifft,
erwähnt
er in Niers und Nil die Schmerle die
ihm dasselbe ist wie der Schlammbeißer und dieser
wiederum werde auch Schlammpeitzger genannt.
Dazu ist zu
sagen, dass in der Fischkunde ein Schlammbeißer nicht
vorkommt,
wohl aber der Steinbeißer und der ist tatsächlich
verwandt mit Schmerle und Schlammpeitzger. Letzterer hat bei den geschilderten
Lebensumständen
in
der Niers wohl die besten
Überlebenschancen, denn Schmerle und Steinbeißer brauchen
klare, fließende
Gewässer, währende der Schlammpeitzger im sauerstoffarmen Schlamm
notfalls geschluckte Luft mit dem Darm atmen kann. Thelen ist kein Fischfachmann.
Ihm sagen die
Fischnamen
mehr
als die Fische selbst, und das
unter literarischen, mythologischen
und
psycholgischen
Gesichtspunkten. Er verurteilt die Zurückweisung seiner
Beschreibung des Schlammes im Heimatlied, die bei ihm die Nähe zu
seiner Mutter Erde war, der er entstammt.
Die Ausdrücke südamerikanischer Schwarzwasserfluss,
Wasserflöhe kaufen usw gehören zwar der Aquarianersprache
an, er bedient sich ihrer aber eher literarisch als aquaristisch.
Salamander und Fliegen
Seiner Mutter schrieb er intime Dinge von Gebären und Leibesklagen,
wie um sie durch diese Nähe zu versöhnen, sein Mötterken,
die sehr katholische Frau, von der er sich räumlich
und in Glaubensfragen so weit entfernt hat. Ich
meine in seinen Briefen an seine Mutter etwas Verkrampftes, Gewolltes
rauszuhören,
wie
man etwa
einem
Kinde zuspricht mit
pädagogischen Hintergedanken, die hier auch schlechtes Gewissen oder misslungene
Zuneigung sein können. Aber das Verhältnis zu seiner Mutter
ist hier
nicht das Thema, sondern sein Verhältnis zu Aquarien.
Mit Fischen hat er also nicht viel am Hut, doch entpuppt er sich als Gelegenheitsterrarianer.
Ich gebe die betreffenden Textstellen aus einem Brief an seine Mutter von 1956
in
der
Spalte
links
an
2ter
Stelle. Thelen ist hier 53 Jahre alt, die Mutter dürfte weit in den 70ern
sein.
Was mir darin auffällt:
- Er nimmt sich der Tiere an, er hätte sie ja auch in die Natur zurücksetzen
können.
- Er nennt seine Margarinenkiste ein Terrarium. Es ist ihm eine Welt,
die er für seine Findelkinder eingerichtet hat mit allem Komfort.
- Als Zeuge der Geburt junger Salamander ist er sehr aufgeregt und
zieht Lupe und den Brehm hinzu. Was hier geschieht, sieht er offenbar
zum ersten
Mal.
Es
ergreift ihn der Forschergeist und gleichzeitig der Muttertrieb. Er fühlt
sich verantwortlich für die Brut und ist zu allen Unannehmlichkeiten
bereit,
selbst zum Fliegenzüchten gegen die Einwände seiner Frau. Die
Begeisterung trägt ihn mit sich fort wie einen Schuljungen.
- Er holt sich Rat in der Fachliteratur. Er ist also Neuling auf
diesem Gebiet und hat Rezepte und Erklärungen nötig, denen
zu folgen
er bereit ist.
- Er will sich am schöpferischen Gewusel inspirieren.
- Er hatte in seiner Jugend schonmal eine Mehlwurmtonne. Zu welchem
Zweck? Für die Hühner seines Bruders etwa?
- Am Ende gibt er sich zu erkennen durch Nennung seiner Lieblingstiere:
Wellensittiche und Hund, wenngleich das auch etwas
spöttisch gemeint sein kann als Ausdruck verpasster Gutbürgerlichkeit.
Es bedeutet jedenfalls:
Kein Aquarianer, sonst hätte er hier den Karpfenteich genannt.
- Würmerjagd. Hier kommt mir unvermeidlich das Schnecken-Hungerkapitel
am Ende der Insel in den Sinn, das mich am
nachhaltigsten beeindruckt hat. Dazu gesellt sich ein kleines
Jugendtrauma von ihm: Beim Pflanzen einer Kaisereiche in
seiner Heimatstadt, durfte er nicht, wie die andern Jungen, beim Aushub
der Pflanzgrube mithelfen, sondern
musste die
anfallenden
Regenwürmer
in eine Büchse sammeln. Dieser Mann also sammelt
40 Jahre später Gemüseabfälle für die Anlage einer Wurmgrube
für seine Salamander
und
schreibt
dies seiner Mutter.
Von Holzwürmern zu Bilchen
An den befreundeten expressionistischen Dichter Hans Otten und seine
Frau berichtet er in einem expressionistischen (impressionistischen?)
Brief von einer Schädlingsplage die das Haus erfasst hat: Jetzt
werden hier Geister exorziert, mit Hammer und Meißel geht es dem Klopf-
und Totenkäfer an den geringelten Leib: Holzwurm. Der Schaden ist namenlos
... ganze Tür und Fensterrahmen mussten herausgerissen werden, viele
brachen in
Wolken von Holzmehl zusammen. Doch auch hier kommt der
Hobbyforscher wieder zum Vorschein: Nur einen beziehentlichen
Wurm habe ich in ein Döschen gesperrt: Er pocht nun auf meinem Schreibtisch,
böse
sich ringelnd, und längst schon hat er das letzte Kügelchen Mehl durch
seinen After geschossen. Die Biester sind transparent, man kann die
peristaltischen Kagationen mit der Lupe verfolgen. Der Kopf ist dick
und breit, mit 2
scharfen Fräszähnen mitten im Gesicht. ...
Das schöpferische Gewusel inspirierte ihn zu dem
Weltuntergangsgedichtband
Glis-Glis. Allerdings transponiert er darin die Holzwürmer
in halbfiktive Nagemäuse, die es ihm möglich machen, eine ganze
Batterie von Benennungen auf sie loszulassen, wobei er es mit der Zoologie
zugunsten
der Poesie
nicht zo genau nimmt. Er arbeitet die Zerssetzung von Innen heraus,
den Verfall, die Dekandenz, das Zeitliche allen Bestehens. Mit diesem
Werk konnte ich mich nicht anfreunden, ich mag keine Mäusegedichte.
Als
Aquaphiler
ziehe ich
die
Schuppe
dem Haar
und der Feder vor.
Aquariumliteratur
Und doch stieß ich schließlich auf das gesuchte Wort. es
fällt im Zusamenhang mit Thomas Mann. Von Adriaan Morriën befragt,
ob er Thomas Mann möge, sagt Thelen das sei Aquariumliteratur.
Leider fehlt hier an entscheidender Stelle eine Passage, doch er
fährt fort: 'Im "Faustus" beschreibt er an einer Stelle
ein Aquarium. Als ich das las dachte ich sofort: Das ist ein Selbstporträt.
In einem Aquarium, bei guter Beleuchtung undsoweiter, dann kann seine
Welt mich faszinieren, aber sie lebt nicht aus sich selbst. ...'
Ich fasse zusammen. Ein Aquarium lebt nicht aus sich selbst. Es muss
z.B. mit Hilfsmitteln wie Innen- oder Außenfiltern BESEELT werden.
Dann kann es bei guter Beleuchtung und schöner Einrichtung komfortabel
gemacht (undsoweiter) werden. Faszinierender jedoch
ist die Schwärze des Schlammes des Flusses seiner Kindheit oder
das Gewimmel einer Wurmgrube oder Fliegenzucht. Solches kann Thelen
zu Prosa und
Poesie inspirieren. Thelen ist ein Vogel-Typ. Wellensittiche, Hähne, Pfauen. Fische interessieren ihn wenig, wenn man von seinen Wal'fisch' Spintisierereien und Heringskaakereien im Bahßetup absieht. ('is de Hiring ook 'n Fisch?') Aber da gehts eigentlich um Fischereirechte und Etymologie (hareng und Dr. Tulp). Ich
vermute, dass er in seiner Eigenschaft als Hausmeister in der Schweiz auch für Aquarien verantwortlich war,
die da evtl zur Einrichtung gehörten. Da musste er evtl gelegentlich
auch die Filter sauber machen, was ihm die
nämliche Passage
entlockte, die mich vermuten ließ, er sei selbst Aquarianer. Sein
Werk jedoch belegt das nicht, und das würde es tun, denn er holte
ja aus den Kleinigkeiten seine Großartigkeiten.
Winfried Kamps, Antwerpen, Dezember 2003
dewin@winfried.be
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