PRIMÄRTEXTSTELLEN

  • 1)
    Als dann der düstere Tag kam, wo ich gegen meinen Willen und gegen meine bessere Einsicht wieder eingedeutscht wurde - Bürger des vierten Reiches -, nahm ich unsere Namenskarte dem Kindlein aus den Fingern und schob eine neue hinein, die Jimmy mit schönen Lettern gestochen hatte. Sie gab von unserem staatspolitischen Umbruch Kenntnis und zugleich von der Trauer, in die wir gesunken waren. Gegen Hitler hatte ich gekämpft und gesiegt. Gegen die bürokratische Schafsnäsigkeit der Alliierten zog ich den kürzeren. Ich wurde Deutscher, ich war ein toter Mann, Opfer der Trägheit des Herzens: ein schwarzer Rand rahmte das Kärtchen. Es war ein Leidzirkular, das nicht zirkulierte, ein Totenbrief in der Hand eines Toten.
       Bahßetup Seite 134/ 135

  • 2)
    »Man sieht, daß Sie Deutscher sind, diese Sucht, alles zu komplizieren, zu spezialisieren, Sonderläden für Walfische, lächerlich!« Mich traf es wie ein Schlag mit dem Blutholz: Deutscher, wie er im Buche steht! Das nun gerade wollte ich nicht mehr sein, wie es mich auch immer wieder erniedrigt, wenn man mir vorwirft, ich sei ein typischer Christ! Weil ich mich von jedermann betrügen lasse, und ich wehre mich nicht? Man schlägt mich, und ich schlage nicht zurück? Deutscher und Christ: zwei menschliche Gattungen, die im Abendlande auf das peinlichste in Verruf gekommen sind
       Bahßetup Seite 151

  • 3)
    Im Kampf der Pootmänner gegen die Pootmänner haben wir die Selbstzerfleischung der Menschheit in ihrer heilig-unheilvollen Gestalt. Heilig, denn wir werden von höheren Mächten in den Rachen des Molochs geschleudert; unheilvoll, denn wir erkennen den Zweck nicht, dem dies alles dient.
       Bahßetup Seite 288
  • warum Thelen? | Thelen Tagung in Münster | Thelen Aquarianer? | www.vigoleis.de | winfried.be

    Bahßetup revisited

    Was mir beim Wiederlesen so durch den Kopf ging.

    Gemeinsame Grundgestimmtheiten im Humor, Neigung zum Skurrilen, Abseitigsein, Kleinstbürgerlichkeit, Zweisamkeit, Deutschlandflucht, verbohrte Individualität, gewisse Parallelen in den Lokalitäten und der Biografie...

    Ich fand den Bahßetup erstmals als ich noch in 'des Grafen Tsantsa' wohnte, in der damals gerade neu eingerichteten Zentralbibliothek am Spui. Das war noch im vorigen Jahrtausend. Ich hatte das Buch mehr zufällig in den deutschsprachigen Regalen bei T obenauf liegen gesehen, den Namen Thelen kannte ich von der Insel. Ein Bibliotheksmitarbeiter hatte es da etaliert, vielleicht wegen des Umschlagfotos, das den Den Haager Friedenspalast zeigte, Sitz des Internationalen Gerichtshofes. Dieser liegt, äh steht, ca 3 Straßenbahnstationen entfernt Richtung Scheveningen. Ein großes Gitter umschließt ihn mit seinem lieblichen Garten, Touristenbusse parken davor. Oft war ich dran vorbeigeradelt, zum und vom Strand. Wenig später wurde Milošević dort eingeliefert, jetzt ist der schon tot, da gestorben.

    Meinen Einstieg in Holland, und damit meinen Ausstieg aus Deutschland, hatte ich 1989 - dem Todesjahr Thelens - in 'Heringsgraat' gemacht. Die Stadt lernte ich kennen, ihre selbstsicheren Menschen, die holländische Sprache. Später ging ich nach Den Haag. Der Bahßetup wiederholte meine Stationen in Holland bzw hatte sie vorweggenommen, aber plötzlich hieß Amsterdam 'Heringsgrat' und Den Haag 'des Grafen Tsantsa'. Thelens verbohrte Schrulligkeit hatte mich gleich wieder im Griff. (Rheinische??) Mentalitätsaffinität? Schon der aberwitzige Titel des Buches! Wegen des ß im Titel ist es in keinem nichtdeutschen Onlinekatalog zu finden, man muss schon Glück haben, wenn man mit ss in die Nähe kommt. Oft ergibt sich bei Eingabe des ß ein Loch im Wort oder ein kryptisches Zeichen. Am lohnendsten ist die digitale Suche auf den Autorennamen, dann kriegt man evtl auch Übersetzungen von ihm angeboten.

    Auf der auf den vorigen Seiten skizzierten Thelen-Tagung führte der Bahßetup ein Schattendasein, fast alles drehte sich um die Insel. Nur Wolfgang Ullmann wies gebührend auf den Bahßetup hin. Es sei ein Buch über das Recht, sagte er, ein europäisches Buch, das erkläre seine Nichtbeachtung in Deutschland. Ihm war es wichtig, denn er war ein Mann des Rechts und ein Mann der Schrift, zudem ein Mann Gottes. War, denn er ist noch kein Jahr nach der Tagung gestorben.

    Ich hab mir den Bahßetup in Antwerpen, wo ich jetzt lebe, nochmal vorgenommen. Die hiesigen Bibliotheken erwiesen sich als relativ fruchtbar was Vigoleis betrifft. Zufällig wohne ich gegenüber der Unibibliothek, ich brauche also nur über die Straße zu gehen. Einiges konnte ich ergattern, manches kam aus dem theologischen Seminar, das nebenbei. Auch dieses Exemplar des Bahßetup schien noch ungelesen, wie konnte es anders sein. Ich hab das Buch nach erneuter Lekture eingescannt und in Webformat umgesetzt, ich wollte es einfach haben, und ich wollte es digital haben. Sie können es hier auch einsehen. Vollständig, Bitteschön! Es handelt sich um 'mein' Werkexemplar, worin ich noch Hervorhebungen mache. Es sind mit Sicherheit noch Fehler im Text, die mir im Gefecht mit dem OCR-Programm entgangen sind. Der Umfang macht das proofreading zur Sisyphus-Arbeit, für Hinweise bin ich dankbar. Der Bahßetup gehört ebenso ins Netz wie Tristram Shandy mit dem man ihn gelegentlich zurecht vergleicht, auch wenn Thelen noch nicht lange genug tot ist, wie Laurence Sterne. Was nicht auf den Google Servern steht, gibt es ja gewissermaßen gar nicht! Aus Copyrightängsten jedoch hab ich den Suchmaschinen den direkten Zugriff auf den Volltext verwehrt, nur via 'hier' kommt man hin. Dafür arbeite ich gelegentlich an einem Glossar weiter, mit dem man gewisse Worte im Text auffinden kann. Die bunten Hervorhebungen sind also von mir, sie geben einige Fäden zur schnelleren Orientierung und Wiederfindung an. Die Farben verweisen auf gewisse Gesichtspunkte. Rot z.B. gibt den roten Draht.

    Der Bahßetup steht mir inzwischen näher als die Insel. Er hat mehr Bezug auf mich wegen der mir bekannten Örtlichkeiten und mehr Bezug aufs Heute, wo der Ausländer zum heißesten Thema geworden ist. Der Bahßetup liest sich nach nine-eleven und der Ermordung Theo Van Goghs in Amsterdam brisanter, obwohl er bis auf die Schrumpfköpfe und die Geschichte der Aïsha weitgehend in christlichen Sphären verbleibt, gleichwohl an deren Grundfesten gerüttelt wird. Er kulminiert gar im Zitat einer Predigt, allerdings einer GEGEN Gott. Damit spricht sie Vigoleis aus dem Herzen, bzw von der Leber. Vielleicht wird das Buch einmal ein revival erleben - wegen der Zählebigkeit seines Gegenstandes.

    Um Fremdheit und Befremdung dreht sich alles in diesem Buch, darum ist es so aktuell. Aus heutiger Globalzeit gesehen widerspiegelt es die Sicht einer kommenden Mehrheit, der Mehrheit der Deplazierten. Deplaziert gegenüber dem Platzhirschentum, das noch immer auf seine Privilegien pocht aber sie nicht mehr begründen kann. Privilegien des Gewohnheitsrechts. Die Rechtmäßigkeit dieses Zustands wird in Frage gestellt. Hier ist der folgende Klassenkampf vorgezeichnet. Wer hat z.B. das Recht, Fische aus dem Meer zu holen und wo?

    Das Verrückte am Bahßetup ist, dass er auf Deutsch geschrieben ist. In Deutschland stößt er auf noch mehr Unverständnis und Desinteresse als die Insel, soweit das überhaupt noch möglich ist. Holland ist uns Deutschen, denke ich, noch fremder als Spanien, mit dem uns wenigstens Urlausgefühle verbinden. Vigoleis ist 'Deutscher wider Willen'. Er lebt zur Zeit der Niederschrift in Amsterdam als eine Art undercover-Holländer, der seine Heimatgefühle nach Portugal exportiert hat aber von der Nachkriegsverwaltung nach Deutschland zurückversetzt wird. Es ergeht ihm wie jemandem, der schon Jahre im Lande lebt, sich nach bestem Vermögen angepasst hat aber dann zurückgeschickt wird. Sehr aktuell wie gesagt. Als Vigoleis zu seinem Entsetzen wieder als Deutscher eingestuft wird, sieht er das als 'seinen Tod', als absolute Blamage. Siehe Zitat 1), links oben. Andererseits bilden die Deutschen wegen der Sprache seinen Leserkreis. Mir fällt auf, dass diejenigen, die auf Vigoleis abfahren, hauptsächlich Deutsche sind, die ihr Dasein im Ausland fristen, aus welchen Gründen auch immer. Ein Blick auf die Reaktionen auf meine Vigoleisseiten hier zeigt mir das. Ich bin ja auch so ein Weggelaufener.

    Heimwehgefühle müsste ich besser sagen statt Heimatgefühle, denn Thelen versteht sich als Spezialist der Saudade, was dem deutschen Begriff 'Heimweh' sehr nahe kommt. Darüber habe er in Brasilien dozieren wollen, verrät er im Bahßetup, hierin fühlt er sich kompetent. Kein Wunder bei seinem Lebenslauf! Ich denke dass es echt ein Traum in seinem Leben war, von dem er eine zeitlang wach gelegen hat, dieses von Bahßetup vorgeschlagene Dozentendasein in Brasilien. Da hätte er mit den Brasilianern um die Wette schmachten können nach einer alten, unwiederbringlich fernen Heimat. Da ist diese Erzählung im Bahßetup von der doppelten Saudade, vom doppelt verfehlten Heimweh (Seite 463 ff). Ich lese sie als eine Schilderung seiner eigenen Stellung im Leben.

    Der Emigrant ist nirgends mehr zuhaus, weder in der neuen noch in der alten Heimat. Er wird eine Art alien, ein Ex-territorialer, ein Außerirdischer. Sie wollen ihn nicht, nicht den Zurückkommenden und nicht den Fremden, jedenfalls nicht länger als einen Urlaub oder einen Arbeitsvertrag. Und doch ist's die Lebenslage der Zukunft. Der Ex(tra)-territoriale, sprich Ex-nationale, ist notgedrungen überall zuhaus; sein ist die Welt. Die Nation ist ein vergehendes Konzept. Weltbürger sind gemeinhin freier von Lokalpatriotismus als Eingeborene, aber eben nicht notwendigerweise frei von Heimweh, denn eines jeden Geburtsort umweht offenbar ein spezieller Geruch. Man wird immer mehr darauf abggerechnet wo man herstammt, das fällt mir auf in letzter Zeit, denn es läuft der Globalisierung zuwider. Es ist als ob die halbe Identität schon mit dem Geburtsland gegeben sei. Und Identität ist etwas, ohne das man gewissermaßen nackt ist. 'Sie sind nicht von hier? - Wo kommen Sie her?'

    Die Revolution der Zukunft ist die Machtergreifung der Exterritorialen. Sie werden ihr Grundrecht auf einen Platz im Leben einfordern. Vielleicht ergibt es sich aus einem Recht auf Urlaub, was auf ein Recht auf Ferne rausläuft. Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zum Wegbleiberecht. Aber vermutlich ist bis dahin schon Rede von Urlaubspflicht (wegen Arbeitslosigkeit). Ein Rotationssystem bietet sich an. Zuhaus ist, wo man gerade ist, das muss die Lösung werden. Lokalgeschichte ist Romantik. Dies scheint mir auch der Sinn des Kafka-Spruches: 'Das Glück begreifen, daß der Boden auf dem Du stehst, nicht größer sein kann, als die zwei Füße ihn bedecken.' Oktavheft G (II, 2) und weiter: 'Wie kann man sich über die Welt freuen, außer wenn man zu ihr flüchtet.' Das steht dem Eigentumsrecht an Grund und Boden und dem davon abgeleiteten Erbrecht diametral gegenüber. Es gibt eine Skizze eines Buches in Slaughterhouse 5 von Kurt Vonnegut, die die Sache anschaulich macht: Die Menschen treiben in Ballons über der Erde, weil aller Grund verkauft oder vermietet ist und verboten zu betreten...

    Identität. Das Wort wird viel gebraucht in den letzten Jahren. Was ist Identität anderes als das Selbstverständnis der Menschen gesehen aus vielerlei Richtungen und gestützt durch Papiere oder durchkreuzt durch das Fehlen derselben? Mir scheint's die Zeit wo Identität zum Label wird, das man vor noch nicht allzu langer Zeit vielleicht abstreifen wollte wie eine Zwangsjacke, die ein jeder aber nach dem Zeitgeist zu tragen sich nun gezwungen sieht. No place to run, no place to hide, die Welt ist eng geworden. 'Übereinstimmung mit sich selbst', auch eine Übersetzung von Identität, wird aus Platzmangel zum Strohhalm an den man sich klammert als Abgrenzung und den man verteidigt gegen den Ertrinkungstod. Schwimmend in der Masse trachten wir uns ans Land unseres Selbst zu retten. Das Selbst als label an das man glaubt, Identität mündet in Individualität. Es gibt günstige und weniger günstige Identitäten, Herkünfte, Nationalitäten, Selbstverständnisse. Je nach Segnung damit ist die Schizofrenie, die sich aus der Konfrontation mit der andersidentischen Mehrheit ergibt, mehr oder weniger vorgegeben.

    Für die deutschen Kriegs- und Nachkriegsgenerationen, ist Identität ein heikles Thema, nachdem alles was deutsch ist so gründlich kompromitiert wurde. Was haben wir Nazi-Erben um uns als unsere Identität dran zu klammern? Das Reinheitsgebot fürs Bier? Den Mercedesstern? Den Europäer Göthe? Natürlich den Holocaust, der Deutschen größte Leistung, ER hat unsern Namen auf die Welt geschrieben. 2).

    Thelen gehört zur Kriegsgeneration, der Krieg hat seine Sicht auf die Welt und das Leben geformt. Es ist die Einsicht des 20ten Jahrhunderts, dass die Katastrophen immer größer werden in einer Welt, die von immer mehr Opfern bewohnt wird. Als er den Bahßetup schreibt, schaut er weg von Deutschland, das nicht mehr sein Vaterland ist, nur noch das Land seiner Muttersprache. Er schaut auf zu den Holländern, von denen kaum noch als Deutscher erkannt zu werden er gelernt hat, aber er ist nicht einer von ihnen. Und er schaut hinab auf die Holländer, deren Merkantilismus er verachtet, deren Geburtstagsfeierwahnsinn er verlacht, deren allgegenwärtige Fahrräder er fürchtet, deren imperiale Historie er anprangert. Er schaut hinauf nach Portugal wo sein 'Meister' gelebt hat, dessen Witterung er auf der Insel Mallorca aufnahm und in dessen Sprache er seine neue Heimat gefunden haben wollte und von da aus weiter bis ins 'Land Blutholz', wie er Brasilien im Bahßetup oftmals nennt. Vigoleis blickt auf zum südlicheren Menschen "wo des Menschen Würdigkeit nicht ganz unter Stempelzwang und Gültstücksübeln verkümmert" (S 460). Seine Frau, die Inka-Indianerin und Schweizerin, ist hierin Paradigma. Sie ist mehr als sprichwörtlich seine bessere Hälfte.

    Thelen vergöttert alles was portugiesisch ist, seit er sich Pascoaes an die Brust geworfen hat. In der Insel wird man Zeuge wie aus dem Aussteiger ein Nachläufer wird. Indessen: Er erfûllt sich damit ein Bedürfnis. Es ist ein voyeuristisches Erlebnis, wenn man Zeuge wird, wie Thelen zum Jünger wird. Diese Unterordnung, die man auch Anbiederung nennen kann, ist ihm Sinngebung und Rettung: Er findet seine Bestimmung und er findet ein Zuhause im Innersten der Fremdheit. Da überlebt er den Krieg. Seine eigene Identität geht auf im Angebeteten. 'Ein Vogel ging einen Käfig suchen'. (frei nach Kafka, Aphorismen II, 4)

    Zu Pascoaes muss ich mal ein paar Worte verlieren. Ich hab auch Thelens Napoleon Übersetzung gefunden. 'Napoleon als Spiegel des Antichrist'. Dieses Buch nennt er gleich auf Seite 1 des Bahßetup das Einzige was nach seinem Tode nicht der Vernichtung anheimfallen soll. Er scheint es als sein Glanzstück zu sehen. Die Übersetzung war sicher nicht einfach aber das Buch ist ein Schmachtlappen ohnegleichen, eine Ode an den Glanz des Gottmenschen Napoleon, die im Nachempfinden und Aufbauschen der Geschichte erzählt, wie es so kommen musste wie es kam. Das ist also die Geistesgröße seines Meisters. Ich bestreite übrigens nicht, dass große Bilder darin geworfen werden, die einen großen Geist verraten. In den Briefen Fernando Pessoas fand ich (der Übersetzer ins Holländische, August Willemsen († 29.11.2007), macht darauf aufmerksam) die Worte eines, der ihn auch verehrte aber überwand. Am 5. Januar 1914 schreibt Pessoa an Pascoaes unter anderem: "Nicht dass ich 0 Doido e a Morte eines Ihrer besten Werke finde, aber es hat, wie alles was Sie schreiben, einen spirituellen Geschmack nach Ewigkeit. Auf den eisigen Seiten worin das Mysterium zu einer Medaille gefriert mit auf der einen Seite dem Wahnsinn und auf der andern dem Tod, ist Gott anwesend in seiner nächtlich düsteren Form von Furcht und Stille. Der Schatten einer Sfinx im Mondlicht - das ist für mich ihr Gedicht ..."
    Pessoa verspottet hier beinahe den Meister durch dessen eigenen Stil vor seiner Nase zu persiflieren. Spott verpackt in Hochachtung. Pessoa ist es dann auch, der die Saudosisten auf den Müllhaufen der Zeit verweist. Auf der Thelen Tagung war es Léon Hanssen, der Skrupel über Pascoaes' Texte äußerte. Es herrschte Stille im Saal der Vigoleisianer. Bis in den Pascoaes kann oder will Thelen kaum einer folgen.

    In der Insel ist es nachzulesen, wie Thelen aus dem Nichts dem Schreiber des Paulus-Büchleins verfällt, noch ehe er es überhaupt gelesen hat. Es ist weil seine spanischen Freunde es ihm scheinbar vorenthalten wollen, dass Vigoleis so heiß drauf wird. Als er das Buch dann endlich in Händen hält, ist sein Blick schon getrübt. Er liest es wie ein Junge ein verbotenes Sexheft, mit roten Ohren. Es ist ihm Anleitung Portugiesisch zu lernen, um es übersetzen zu können. Da brennt etwas durch in unserem Vigoleis. Das Recht dazu hat er natürlich. Glück findet er auch darin, nur eben keinen Erfolg.
    Ich denke es liegt in der Natur des Vorgangs, den man 'sich verlieben' nennt, dass ihm so der Gaul durchgeht. Sich verlieben kennt immer einen Punkt der Selbstfixierung aufs Auserkorene wo das Rationale über Bord geschmissen wird. Wenn das Objekt der Zuneigung wirklich objektiv so erstrebenswert wäre, würde sich ja schließlich jeder drauf versteigen, aber nur wenige tuns. Selbst die schönste Frau hat nur einige Verehrer, nicht alle. Man könnte etwas bissig Pascoaes die Dulcinea des Vigoleis nennen.

    Die Jünger-Werdung Thelens ist der eigentliche plot der Insel. Der Bahßetup hat einen literarischen plot und eine Dramaturgie, darum ist es das 'bessere' Buch. Der ganze Bahßetup ist gerichtet auf die Lösung des Geheimnisses des schwarzen Herrn: Aufschneider oder nicht? Wer sich enthalten kann, gleich am Anfang die letzten Seiten zu lesen, dem bleibt die Spannung bis ans Ende erhalten. All die Geschichten dienen, so abwegig es auch scheinen mag, dieser Enthüllung, sind daher mehr als unzusammenhängendes Geplauder wie oft in der Insel. Das Bruchleiden des 'Südergastes' gibt dann zunächst die allzumenschliche Lösung. Geschichten, wie die von dem mit Hinterlist geklauten Diadem bis zum oft sehr merkwürdigen Betragen des Bahßetup, haben von hinten besehen ihre dramaturgische Notwendigkeit im Text. Toll, wie Thelen das beim Schreiben nie aus den Augen verloren hat.
    Und dann ist da noch, zusammen mit dem Unfalltod seiner beiden erwachsenen Töchter, der eigentliche Grund des Geisteszustandes des schwarzen Herrn, dessen Wurzeln bis in die Sklaverei seiner Mutter hinabreichen. Das ist der plot dieses Buches. Die Insel ist Überlebensbericht aus einer gewalttätigen Zeit, der Bahßetup ist Gesellschaftskritik aus übersteigerter Nähe. Beide sind sie Kritik an de Welt überhaupt, etwa im Sinne O.Wieners: 'In der Erschaffung des Bewusstseins ist die Natur zu weit gegangen', aber Vigoleis kreidet sie einem gewissen Gott an, der aus dem Wort entstanden ist.

    Warum schrieb er nicht auf Portugiesisch oder Holländisch? Weil er sich eben in diesen seinen Zweitsprachen nicht so ausdrücken konnte wie im Deutschen, sosehr er sich auch hineingearbeitet hat als Übersetzer. Übersetzer ist man immer in seine Muttersprache. Das aus-dem-Vollen-Schöpfen, seine Fabulierlust und Formulierfreude gelingt ihm nur in der Sprache seiner Kindheit. Für Adorno z.B., dem's ähnlich erging, war's der Grund nach Deutschland zurückzukehren. Eine Hassliebe verbindet Thelen mit Deutschland, das für seine Kindheit und Hitler steht. Diese Kindheit war einerseits eine Austreibung und eine Abstoßung, andererseits eben seine Kindheit die ihn geprägt hat; seine Großmutter war ihm eine weise Frau, seine Familie ein warmes Nest, Süchteln sein Tor zur ganzen Welt; die deutsche Sprache ist seine eigentliche Heimat. Thelen ist in seiner alten Heimat in einem Altersheim gestorben.

    Bahßetup ist schwarz und er ist ein Herr, ein schwarzer Herrenmensch, der einen weißen Diener im Schlepptau hat, mit dem er im weißen Holland, wo diese Konstellation suspekt ist, Befremden erregt. Ein komisches Paar wie Don Quichotte und Sancho Pansa. Beatrice verschwindet diesmal fast völlig im Hintergrund. 2007 erschien eine zum Buch erweiterte Promotion des Düsseldorfer Literaturredakteurs Lothar Schröder 'Vigoleis - ein Widergänger Don Quijotes'. Im Bahßetup ist Vigoleis der Schildknappe Sancho, also der Widergänger Sancho Pansas (S 104). Als Autor indessen ist er ein Don Quichotte, da hat Schröder schon recht. Man vergesse jedoch nicht, dass Cervantes kein Don Quichotte war und Sterne kein Tristram Shandy.

    Im Spanien der Insel war Vogoleis seinen deutschen Landsleuten sarkastische Karikatur eines Fremdenführers, hier in Amsterdam ist Vigoleis wieder Fremdenführer, aber diesmal im Ernst. Als Deutscher im deutschfeindlichen Holland ist er wieder ein Kukuk im Nest, zudem mit einem Neger ohne Papiere aber mit hohen Ansprüchen und viel Geld. Schon bizarr diese Konstellation. Vor allem das Geld. Der Blick auf die Fremdheit unausgeglichener Gegensätze sorgt für die Qualität des nicht nur Lokalen. Es ist die Sicht aus der Distanz, die allgemeinere Gültigkeit einfordert. Je aberwitziger desto wahrer, realistischer, globaler. Das Absurde der Welt ist ihre menschlichste Seite.

    Die Insel und der Bahßetup: Beide Bücher sind, wie man auf der ersten Seite des Bahßetup erfährt, im Tandem geschrieben, das jedenfalls ist der fiktive zeitliche Rahmen. Er ist mit der Ablieferung der Insel im Verzug, sein Verleger drängt, und dennoch unterbricht er sein ausuferndes Werk um ein ebenso ausuferndes einzuschieben (und darin unter anderem auch sein Gift gegen seinen Verleger zu speien). Er hat die exemplarische Größe ihrer Doppelrolle erkannt und er spielt sie aus. Sie gibt ihm Gelegenheit die ihn beherrschende Umgebung direkt herauszufordern, nicht erst in der 'Anwendung' von alten Erinnerungen. Vigoleis berichtet quasi abends schon was er am Tag mit seinem schwarzen 'Herrn und Gebietiger' erlebt hat und wie es ihn am Weiterschreiben der Insel hindert. Durch bloße Vermittlung kriegt er die Geisteshaltung der Überlegenheit von Establishment, Gehalt und Stellung vor die Feder. Das ganze Rechtssystem, das auf Sklaverei gewachsen ist, wird ihm ein großes Fragezeichen. Der schwarze Herr hilft Vigoleis das Leben aufs Korn zu nehmen indem er sich von ihm helfen lässt. Endlich kann Thelen seiner Distanz zur Gesellschaft, die ihm im Alltag nicht gelingen will, weil ihm die Anerkennung nicht gelingt, wenigstens literarisch einmal Ausdruck verleihen. So wird seine vigoleisische Selbstaufopferung als Schildknappe, Dolmetscher, Diener und Führer in der Beschreibung zum Befreiungsschlag. Mit diesen beiden Büchern hat Thelen sich 'verausgabt'. Es muss ihm eine Lust gewesen sein, daher auch die nichtendenwollende Ausuferung.

    Der Bahßetub ist Befreiung auch von der Insel, die ihm ja letztlich nicht viel mehr als das Zerwürfnis mit seinem Freund und Verleger eingebracht hat, und den Hohn der Gruppe 47. Der Bahßetup tritt in Wirklichkeit an die Stelle der geplanten Folgebände der Insel die im Gezänk trotz Fontanepreis auf der Strecke geblieben sind. Ich denke übrigens, dass der Ausdruck 'Emigrantendeutsch' für Thelens Sprache gar nicht so falsch ist, wenn auch nicht in der erniedrigenden Bedeutung, in der er von Hans Werner Richter gemeint war, sondern in dem Sinne, dass die Sprache des Emigranten durch andere Sprachen relativiert und erweitert wird. Das Deutsch dieses Emigranten ist dem Deutsch des Nichtemigranten in dem Maße überlegen, als es ihm eine aufgeklärtere Sicht auf Wort und Sinn ermöglicht. Als Beispiel nehme man die Sinnerweiterung des Wortes 'Hareng' (Hering) im Zusammenhang mit Rembrandts Sezierszene des Dr. Tulp, die dem erweiterten Sprachschatz entspringt (S 102, 103). Sein Deutsch, verankert tief in der Vergangenheit des Deutschen und im Dialekt seiner Kindheit, erweitert durch Einsichten aus dem Lateinischen, Spanischen, Portugiesischen, Holländischen, Englischen, Französischen sowie dem Schweizerdeutschen, ist der Misthaufen auf dem seine Originalität wuchert. Und Originalität ist in der modernen Kunst, zu der diese moderne Literatur gehört, Voraussetzung für Qualität. Sie rückt ihn in die Nähe von Cervantes und Sterne die sich wie er durch ihre originelle, freie, willkürliche, ja burschikose Erzählhaltung hervorheben, die den fiktiven Dialog mit dem Leser einbezieht.

    Meine letzte Bemerkung gilt der Pootmännerei. 3)
    Die Schlüsselseiten für diesen Topic sind die Seiten 287 und 288, die Geschichte vom Faktotum des Düsseldorfer Malers Walter Petersen, das in dessen Schlachtenbildern als multiples Modell gedient haben soll, woraus Vigoleis seinen Sinnspruch der Pootmänner gegen die Pootmänner ableitet. Als Düsseldorfer und Kunststudierter interessierte es mich evtl die Bilder, die Thelen vor unseren Augen aufruft, zu Gesicht zu bekommen. Ich nahms also für bare Münze und informierte beim 'Malkasten' in Düsseldorf, der ein Archief der älteren Düsseldorfer Akademie-Malerei unterhält, wo ich mir evtl diese Schlachtenbilder anschauen könne. Die Auskunft war freundlich. Ich erfuhr, dass Walter Petersen mit ziemlicher Sicherheit gar keine Schlachtenbilder gemalt hat und Vigoleis selbst sagt ja auf Seite 288, dass er 'erstaunlicherweise' nie ein Schlachtenbild von Walter Petersen gesehen hat. Hier muss also entweder eine Verwechslung vorliegen oder wir haben es mit purer Fiktion zu tun. Dazu sei gesagt, dass letztere Möglichkeit den Autor eher erhöht als erniedrigt, weil literarischer, fantasiereicher. Für mich ergibt sich die Einsicht, dass die Suche in literarischen Texten nach Dichtung und Wahrheit eher Zeitvertreib als Wissenschaft ist. Es ist wichtiger zu sehen was Vigoleis aus seinem Pootmann gemacht hat, als wo er ihn her hat. Hier als Ersatzschlachtenstück eine Illustration, die zur Pootmännerei passt, Petersens Pootmann oder nicht.

    Soviel für heute zum Bahßetup.

    PS: Mich erinnerte der Bahßetup vom Inhalt her an eine kleine Geschichte des flämischen 'Klassikers' Willem Elsschot, Het Dwaallicht, die in Antwerpen spielt. Drum hab ich sie mal übersetzt und unter dem Titel Das Irrlicht abgelegt. Hierin finden wir auch einen Fremdenführer, der sich bis zur Selbsaufopferung 'Exoten' zur Verfügung stellt und dabei das Heimische und das Fremde im doppelten Scheinwerferlicht erblickt.

    Winfried Kamps, Antwerpen, zuletzt bearbeitet im Mei 2009
    dewin@winfried.be

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